Das verdanke ich meinem Vater

Meine Selbständigkeit verdanke ich meinem Vater

Von Christel Huneke, 79 Jahre

Die 79 Jahre alte Christel Huneke, Mutter von zwei Kindern, erzählt, dass vor allem ihr Vater damals darauf bestanden habe, dass sie ein Studium macht. Sie wurde Apothekerin. Rückblickend sagt sie: „Ich bin meinem Vater sehr dankbar. Ihm war es wichtig, dass ich finanziell immer unabhängig sein würde. Das hat mir in meinem Leben und vielleicht auch in meiner Ehe oft geholfen.“

Ich wurde 1939 geboren. Mein Vater war Bankdirektor und meine Mutter war „Frau Bankdirektor“, also Hausfrau. Das war damals ganz normal. Mein Vater erkannte jedoch, wie abhängig viele Frauen ohne eigenen Beruf waren. In so einer Abhängigkeit wollte er seine Tochter nicht sehen! Deshalb lag sein höchstes Ziel darin, mich mit einem guten Beruf auszustatten.

Christel Huneke, im Sommer 2017 in Frankreich, Foto: Dorte Huneke-Nollmann

Ich selbst träumte als junges Mädchen davon, Literatur oder Kunst zu studieren. Dass ich Apothekerin wurde, hat mein Vater entschieden: „Wenn Du das Pharmazie-Studium hinter Dir hast, kannst Du Dich mit Literatur und Kunst beschäftigen, soviel Du möchtest. Erst einmal brauchst Du einen handfesten Beruf!“ Ehe ich mich versah, hatte mein Vater mich für ein praktisches Jahr in einer Apotheke angemeldet.

Für mich war das ein großes Glück. Ich war in meinem Leben nie eine große Kämpferin und hätte mich vielleicht mit weniger Erfolg zufrieden gegeben. Heute weiß ich, dass es etwas Großartiges ist, eigenes Geld zu verdienen, berufliche Anerkennung zu erfahren und vielleicht sogar Dienstreisen machen zu können. Als Chefapothekerin habe ich von allen diesen Dingen reichlich bekommen. Dafür bin ich meinem Vater bis heute dankbar (und als Rentnerin besuche ich nun mit großer Leidenschaft Literaturkreise, Theater und Museen).

Als unsere Kinder klein waren, bin ich gerne zu Hause geblieben und habe viel Zeit mit ihnen verbracht. Das allein hätte mich aber nicht glücklich gemacht. Ich würde sagen: Ich hatte den Luxus, mit meinen Kindern zu Hause bleiben zu können, weil mein Mann genug Geld für uns alle verdient hat und mir gerne diese Aufgabe überlassen hat. Und ich hatte Glück, dass ich nach der Babypause meinen Job weiter ausüben konnte. (Mein Mann war ebenfalls froh, dass ich wieder über andere Dinge als Babynahrung mit ihm sprechen konnte.)

Ich bin voller Bewunderung und Dankbarkeit gegenüber den Frauen und Männern, die sich in unserer Gesellschaft mit viel Kraft und Weitblick für die Gleichberechtigung einsetzen. Sie haben mir ein freies und vielfältiges Leben ermöglicht.

Dieser Text erschien im Januar 2019 auf Kurdisch in der nid-Sonderausgabe in kurdischer und arabischer Sprache.

Ansicht der gedruckten Seite – in der ersten nid-Sonderausgabe in kurdischer und arabischer Sprache, erschienen im Januar 2019.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.