Zwischen Nofretete und Picasso

Von Nour Alzoubie

Als ich ganz neu in Deutschland war, begegnete ich am Hauptbahnhof von Gera, wo ich mit meiner Familie damals lebte, einem deutschen Mann, der auf Arabisch zu mir sagte: Wie schön Deine Augen sind! Du bist so schön wie Nefertiti (Nofretete)! In diesen ersten traurigen Tagen hat mich das besonders gefreut und ich habe diesen Mann nicht vergessen.
An ihn musste ich denken, als wir im Oktober 2017 mit unserem Zeitungsteam das Folkwang Museum in Essen besuchten und ich plötzlich der echten Nefertiti begegnete! Ein Kopf aus Stein, der uns sanft anlächelte. (Die noch viel bekanntere Büste von Nefertiti steht im Ägyptischen Museum in Berlin. Aber auch die Steinskulptur in Essen ist ein Original aus dem
14. Jahrhundert v. Chr.!)
Ich war überrascht zu sehen, dass es zwischen den vielen bekannten europäi-
schen Kunstwerken im Museum auch eine Sammlung gibt, die mich an meine Heimat Syrien erinnert: die Ägyptische Sammlung.
Einmal glaubte ich, auf einer Fotografie eine bekannte Moschee aus Damaskus in der Nähe meiner Heimatstadt Daraa zu erkennen. Mein Herz klopfte aufgeregt. Herr Daners, der uns durchs Museum begleitete, erklärte uns jedoch, dass wir vor einem Foto aus Ägypten standen.
Peter Daners ist Kurator im Museum Folkwang, zuständig für „Bildung und Vermittlung“. Er hat eine wichtige Aufgabe, einen hohen Posten. Ich wunderte mich deshalb, dass er keine Uniform trug. Als wir ihn das fragten, wunderte er sich. „Ist das in Syrien üblich?“ Wir nickten. Im Museum Folkwang tragen nur die Leute vom Sicherheitsdienst eine strenge Uniform.
„Damit sie gut sichtbar sind“, erklärte Herr Daners.
Tatsächlich haben wir die Sicherheitsleute bei unserem ersten Rundgang, den wir allein machten, sehr stark wahrgenommen. Immer blieb uns einer von ihnen dicht auf den Fersen. Zuerst dachte ich, sie täten das, weil ich ein Kopftuch trage. Ich war darum ein bisschen erleichtert, dass aus unserer Gruppe nur die anderen ermahnt wurden; weil sie manchmal zu nah an die
Gemälde und Skulpturen herangingen oder ihre Jacken offen trugen.
Besonders gefallen haben uns allen die Bilder von Pablo Picasso und wir staunen so sehr, dass seine Bilder dort im Original hängen! Picasso ist auch in Syrien ein sehr bekannter Maler, auch ein guter Bekannter meiner Mutter: In Syrien zeichnete sie viele seiner Bilder nach. Meistens malte sie im Schlafzimmer, weil sie dort die meiste Ruhe vor uns hatte. Schwarz-weiß waren ihre Bilder, für die sie bewusst nur Kohle benutzte. Sie sagte: „Wenn ich dem Bild Farbe hinzufüge, verliert es seine Schönheit.“
Dieser Text erschien in der 8. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“, der Sonderausgabe „Frauen“ (4/2017).
Der Eintritt in die ständige Sammlung im Museum Folkwang in Essen ist an allen Öffnungstagen frei: um allen Menschen die Möglichkeit zu geben,
Kunst zu erleben.
www.museum-folkwang.de
Was sehen wir, wenn wir Kunst sehen?
Inwiefern prägen Lebenswelten unsere Wahrnehmung? In professioneller Begleitung besuchen geflüchtete Frauen und Männer aus dem nid-Team 2017 Kunst- und Kulturorte im Ruhrgebiet. Ein Projekt im Rahmen der Individuellen KünstlerInnen
Förderung (IKF) des European Center for Creative Economy (ecce) und des Programms Stadtumbau West / Soziale Stadt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.