Wir spürten eine neue Kraft
Drei Jahre lang war Hayat Kurd* (34) mit ihren Kindern auf der Flucht. Ihr Mann war bereits in Deutschland. 2015 erreichten auch sie und ihre Kinder das Ziel. Ein neuer Anfang mit neuen Perspektiven.
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Mit unserer Flucht aus Syrien habe ich viel verloren. Aber in mir selbst habe ich eine neue Kraft dazugewonnen. Im August 2012 verließ ich mit meinem Mann und unseren drei Kindern meine Heimat im Norden Syriens. Zunächst zogen wir in die jesidische Region Sindschar im Irak.Wir dachten, wir würden nur eine kurze Zeit dort bleiben, und wenn die Situation in Syrien besser würde, könnten wir zurück in unsere Heimat.
In der nid-Redaktion werden Texte gemeinsam geschrieben, besprochen und Gesprochenes aufgezeichnet.
Als der IS einen Anschlag im Sindschar verübte, wollten wir den Ort verlassen. Doch auch in Kobane gab es einen Anschlag des IS.
Plötzlich erkannten wir, dass der IS seinen Kampf gegen die Kurden richtete, nicht gegen andere Religionen. Denn in Kobane leben Muslime, kurdische Muslime. Es konnte gar nicht anders sein. So fassten wir den Plan, nach Deutschland zu gehen.
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Meine Kinder und ich warteten im Irak.
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Mein Mann ging zuerst. Sein Weg führt über die Türkei. Ich blieb mit unseren drei Kindern in einem Flüchtlingslager im Irak. Das Lager trug den mittlerweile recht bekannten Namen „Domiz“. Vor seiner Abreise hatte mein Mann eine Unterkunft aus dünnem Metall für uns gebaut. 13 Monate verbrachten wir alleine dort, ohne meinen Mann. Meine Kinder waren zu
dieser Zeit drei, zehn und elf Jahre alt.
Unterstützt wurden wir von meiner Familie in Syrien. Sie schickten uns Geld. Ich selbst hatte keine Arbeit. Immer begleitete mich die Angst, dass meine Kinder unsere Armut und unsere Verlassenheit fühlen. Es war eine schwere Zeit. Auf einmal waren wir auf uns selbst gestellt. Bevor wir fliehen mussten, hatte ich ein schönes Leben in Syrien – obwohl wir sehr viele Schwierigkeiten hatten.
In Syrien hatte ich aus verschiedenen Gründen keine Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen. Der wichtigste Grund ist, dass ich keine syrische Staatsbürgerschaft besaß, obwohl wir seit hunderten von Jahren auf diesem Boden leben. Wir waren arm, aber wir waren glücklich, mit unseren Familien zu leben.
In meiner Heimat ist die Familie sehr wichtig – und die Frau ist von ihrer Familie und ihrem Mann abhängig.
Als ich im Flüchtlingslager im Irak war, ging es mir wie vielen anderen Frauen aus Syrien: Viele von uns haben wenig Bildung bekommen. Wir waren in unserem Leben abhängig von unseren Männern. Doch nun waren wir auf einmal ohne unsere Männer. Wir waren auf uns selbst gestellt.
Und wir spürten eine neue Kraft in uns.
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Wir waren nicht schwach. Wir waren stark.
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Dieser Monat war schwerer als die lange Zeit im Irak. Aber wir sind stark und können viele Dinge schaffen. Als wir aus Deutschland die Nachricht bekamen, dass wir dorthin kommen durften, fuhr ich mit meinen
Kindern nach Damaskus, um alle notwendigen Papiere vorzubereiten.
Es war ein großes Glück, aber dieser Monat bis zur Ausreise war schwerer
als alle Monate zuvor. Schlimmer als die Zeit im Irak, schlimmer als die lange Zeit ohne meinen Mann. Denn in Damaskus fielen Bomben, als wir dort waren. Die Lautstärke war schrecklich. Meine Kinder hatten große Angst. Es dauerte einen weiteren Monat, bis wir in unserer neuen Heimat ankamen. Von Damaskus aus fuhren wir in die Türkei, denn dort lag die Genehmigung zur Einreise nach Deutschland. Wir waren in Sicherheit, das war das Wichtigste. In Deutschland dauerte es lange, bis wir alle bürokratischen Dinge erledigt hatten, bis wir eine Wohnung hatten. Aber das machte uns nichts aus. Wir hätten auch in einem Zelt gelebt. Unsere Familie war wieder zusammen und wir waren in Sicherheit. Das war das Wichtigste für uns.
In der ersten Silvesternacht, die wir in Deutschland verbrachten, versteckte
meine jüngste Tochter sich hinter einem Schrank. Sie erinnerte sich an die
Bomben und hatte Angst. Wir sagten zu ihr: Das ist ein gutes Feuer, Du brauchst keine Angst zu haben. In der zweiten Silvesternacht, die wir in Deutschland erlebten, wollte sie selbst ein Feuerwerk machen. Sie freute sich, dass es ein gutes Feuer war und wollte dabei sein. Wir möchten unseren Kindern eine Zukunft ermöglichen. Ich selbst würde gerne eine
Ausbildung machen und arbeiten. Die Menschen in Deutschland denken oft,
dass wir Muslime die anderen Religionen nicht respektieren. Ich respektiere alle Religionen, wir sind alle Menschen. Und ich danke den Menschen in Deutschland dafür, dass wir hier sein können.
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Ich bin eine Kurdin aus Syrien. Ich habe drei Kinder und bin seit 14 Monaten in Deutschland.
*Der Name wurde von der Redaktion geändert.
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Dieser Beitrag wurde Anfang 2017 verfasst und erschien im November 2017 in der 8. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“, der nid-Sonderausgabe „Frauen“ (4/2017).

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