Ein Sommer, ein Regen

Dass ein einziger Sommer so viel Regen bringen kann wie der deutsche Sommer 2017, war für Rashed Alalej aus Syrien eine neue Erfahrung.

In Deutschland gibt es, wie in Syrien, vier Jahreszeiten. Aber eines bleibt hier immer gleich: der Regen. Der Regen liegt wie eine fünfte Jahreszeit über den anderen vier. Es ist Sommer in Bochum, aber alle haben fast immer einen Schirm und eine Jacke in der Tasche. Ich habe noch nicht verstanden, wie das mit den Schirmen funktioniert: Immer, wenn ich einen dabei habe, bleibt es trocken und die Sonne scheint. Wenn ich keinen dabei habe, regnet es. Ich besitze deshalb keinen Schirm und laufe, wenn nötig, durch den Regen. Schirme benutzen in Syrien sowieso fast nur alte Menschen: um sich beim Gehen darauf zu stützen.

Im Arabischen gibt es zwei Begriffe für „Schirm“. Der eine heißt übersetzt „Schutz vor der Sonne“, der andere „Schutz durch Schatten“. Denn in Syrien liegen die Temperaturen im Sommer verlässlich zwischen 20 und 40 Grad. Und wenn es regnet, freuen sich die Menschen und sagen: das ist Glück! Hier haben die Leute Glück, wenn zwischendurch mal die Sonne scheint.

Ich denke oft an das syrische Glücksgefühl im Regen, wenn ich in Bochum nass werde. Der Regen macht mir immer noch gute Laune (nur nicht auf dem Weg zur Schule und auch nicht, wenn es dabei immer kalt ist…). Mehrmals am Tag gucken die Menschen um mich herum im Internet nach, welche Stimmung, welches Wetter der Tag bringt. In Syrien gucken wir morgens einmal in den Himmel und wissen, wie der Tag wird (das Wetter betreffend). Wir brauchen keine Wettervorhersage. Ich habe bis heute keine Wetter-App auf meinem Handy, oder benutze sie jedenfalls nicht. Es kommt, wie es kommt.

Neulich hat es nach unserem Zeitungstreffen heftig geregnet und jemand gab mir einen Schirm, den ich benutzen sollte. Als ich später auf der Straße einem Freund begegnete, rief er: „Junge, du hast einen Schirm? Jetzt bist du integriert!“

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Die Meterologen melden: Der Juli 2017 war der nasseste Monat innerhalb der vergangenen 30 Jahre in Deutschland.

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„In Syrien habe ich nie einen Schirm besessen. Hier ist er mir quasi angewachsen, ich habe immer einen Schirm in der Tasche.“
Issam Al-Najm

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„Wenn es in Syrien regnet, fangen die Menschen an zu beten und loben Gottes Barmherzigkeit.“
Khaled Al Rifai

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„Meine Kinder sind verwirrt. Früher, wenn wir über Regen gesprochen haben, meinten wir
damit den Winter.“
Nahed Al Essa

Dieser Beitrag erschien in der siebten Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“ (3/2017).

Im Juli 2017 lebt Rashed Alalej seit rund einem Jahr in Deutschland.

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