Ein Auto, ein Leben

Von Omar Alnabulsi

In Deutschland ist es dekadent, mit dem Taxi zu fahren, aber ein eigenes großes Auto zu fahren, das kann sich so ziemlich jeder leisten. Ich habe das erst nach und nach begriffen, denn in Syrien ist es genau umgekehrt. In meiner Stadt Damaskus fuhr jeder Mann und jede Frau, ob arm oder reich, mit dem Taxi. Eine Taxifahrt kostete nicht viel. (Abgesehen von der Zeit, die es kostet, um die langen Staus auf den Straßen zu überwinden.)

Omar Alnabulsi (l.) bei der nid-Lesung im WDR-Funkhaus in Köln mit Matthias Wegener (WDR) und Dorte Huneke-Nollmann (nid).

Umso teurer war es, ein Auto zu haben. Ein Lehrer oder eine Lehrerin konnte sich zum Beispiel kein Auto leisten, jedenfalls nicht vom normalen Gehalt. Wer zusätzlich Nachhilfeunterricht gab, konnte sich ein kleines Auto leisten, vielleicht einen Skoda.

Denn wer Geld hatte, wollte das mit seinem Auto auch zeigen.

Die meisten brauchten zwei Jobs, um ein gutes Leben führen zu können. Wenn ich durch meine Stadt lief, konnte ich am Auto sehen, wieviel jemand ungefähr verdiente. Denn wer Geld hatte, wollte das mit seinem Auto auch zeigen.

So war ich also schwer begeistert, als ich sah, wie viele teure, neue Autos in Bochum rund um meine Wohnung herum parkten. Interessanterweise schienen die Besitzer dieser Autos auf ihre Häuser aber nicht so viel Wert zu legen.

Es dauerte eine ganze Weile bis ich verstand, dass die meisten dieser schicken Autos geleast waren und die Menschen in meinem Stadtteil eher wenig verdienen, viele sind arbeitslos. Umgekehrt habe ich Menschen kennengelernt, die gute Berufe haben und bestimmt viel Geld verdienen, aber sie fahren kleine oder sogar alte Autos.

Omar Alnabulsi beim nid-Ausflug im November 2017 nach Köln.

Seit ich in Deutschland bin, wollte ich unbedingt wieder ein Auto haben, damit ich selbstentscheiden kann, wann ich fahre, und wohin. Jetzt habe ich ein altes Auto, von dem ich wünschte, es war schick und es wäre meins. Schade, dass ich in meinen Navi nicht das Ziel „Arbeitsplatz“ eingeben kann…

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Lamia Hassow: Bei uns warfen die Familien ihr Geld zusammen, um ein Auto zu kaufen. Das Auto bekam aber in der Regel der Sohn. Nicht die Tochter. In einigen sehr konservativen Regionen war es für Frauen nicht akzeptabel, ein Auto zu fahren.

Omar Alnabulsi: In Damaskus fuhren genauso viele Frauen wie Männer mit dem Auto! Meine Oma fuhr bis vor kurzem ihr eigenes Auto, sie ist 85 Jahre alt. Mein Opa saß daneben, er fährt nicht.

Nahed Al Essa: Ein Auto war wichtig in Damaskus! Je größer und teurer das Auto, desto besser, Wer ein großes Auto hatte, zeigte das auch gerne. Ich fand das toll! Es war auch üblich, dass große Familien sich für ein Wochenende einen Van mieteten.

Dieser Text erschien 2018 in der 9. Ausgabe der nid-Zeitung (1/2018)

 

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