Was mich erdrückt

Was mich erdrückt

In manchen Gesellschaften herrschen strenge Verhaltensregeln für Mädchen und Frauen. Laila Ammi (23) würde sich davon am liebsten befreien. Aber wie befreit man sich aus einer Klammer, die zugleich Zuhause und Vertrautheit ist?

Von Laila Ammi

In Syrien, diesem kulturell und historisch so reichen, wunderschönen Land gibt es auch hässliche Gewohnheiten. Ich spreche von gesellschaftlichen Regeln und Gewohnheiten, die eine Frau zerstören können. Ich spreche nicht von den Verbrechen, über die wir in jedem Land in den Zeitungen lesen können. Ich spreche davon, was so alltäglich ist, dass es nicht in den Zeitungen steht. Es geht um den „schlechten Ruf“, der einer Frau wie ein Schatten angehängt werden kann: weil sie liebt oder geliebt wird.

Eine Frau muss strengen Regeln folgen, wenn sie ihren guten Ruf behalten möchte. Eine Frau muss einen guten Ruf haben, wenn sie eines Tages heiraten möchte. Die Gesellschaft schont uns Frauen nicht. Eine Nachbarin von mir wurde häufig mit einem Mann gesehen. Sehr fröhlich und freundlich miteinander. Nun hat sie einen schlechten Ruf. (Der Ruf des Mannes wurde nicht beschädigt.)

Irgendwann wollten die beiden heiraten. Die Familie des Mannes hat sich deshalb in der Nachbarschaft erkundigt, ob die Frau auch wirklich einen guten Ruf hat. Einige erzählten, die Frau habe auch vorher schon Freundschaften zu Männern gehabt. Deshalb könne man der Frau nicht vertrauen.

Meine Nachbarin hat nicht geheiratet. An manchen Tagen hat sie darüber geweint. An anderen Tagen spürte sie Wut auf diese Gesellschaft, die ihre Liebe zerstört hat. Doch welche Mittel hat eine Frau sich zu rächen, wenn sie alleine steht?

Meine eigene Geschichte ist nicht einfacher als die meiner Nachbarin. Zu meinen Freunden gehören Jungs und Mädchen. Einige kenne ich über unser Zeitungsteam, andere aus der Schule oder vom Musikunterricht. Manchmal treffe ich sie zufällig auf der Straße und grüße sie. Natürlich. Manchmal essen wir irgendwo etwas zusammen oder gehen ins Kino.

Oft dauert es danach nicht lange und mein Vater hört davon. Die Leute sagen zu ihm: Deine Tochter soll aufpassen, damit sie keinen schlechten Ruf bekommt und den Ruf ihrer Schwestern nicht gefährdet.

Dieser Druck macht mich krank. In diesem Jahr wurde ich wegen Depressionen in ein Krankenhaus eingeliefert. Woher die Depressionen kommen, weiß ich nicht. Ich kann nur vermuten. Manchmal spüre ich auch ein Gefühl von Hass in mir, Hass auf diese gesellschaftlichen Regeln und diejenigen, die diese Regeln machen.

Meine Gesellschaft erdrückt mich, wie ein zu klein gewordener Schuh. Ich versuche, nicht aufzufallen und höre auf, meine Freunde auf der Straße zu grüßen. Aber das passt nicht zu mir. Gleichzeitig passe ich in die andere, die westliche Gesellschaft nicht hinein. Weil ich anders großgezogen wurde.

Ich möchte einfach Ich sein. So leben, wie ich will und wie ich es richtig finde. Ohne mich immer anstrengen zu müssen. Ich möchte alle Gesellschaften respektieren – aber nicht unbedingt genau so leben, wie alle anderen.

Zeichnung: Tim Fischer / nid

Dieser Text erschien 2020 in der nid-Sonderausgabe „Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene“ mit dem Schwerpunktthema „Vertrauen“.

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