Wie eine Stunde Geduld

Wie eine Stunde Geduld

Von Mohammed Slebi

Zu unserem Titelthema „Mut“ schrieb der 19-jährige Mohammed Slebi den folgenden Text – auf Arabisch. Khaled Al Rifai übersetzte den Text während einer Teamsitzung ins Deutsche. Als die Begriffe „Ehre“ und „Männlichkeit“ fielen, entbrannte im nid-Team eine rege Diskussion, die wir unter diesem Text zusammengefasst haben.

Mut ist in meinen Augen die wichtigste Eigenschaft; es geht dabei um Ehre und Männlichkeit. Wer Mut hat, kann Dinge tun, die andere nicht wagen zu tun. Der Herrscher eines Clans hat Mut – und Ansehen. Keiner darf ihn ignorieren. Zum Mut eines starken Herrschers gehört aber auch, die Meinungen anderer zu berücksichtigen.

Die mutigen Herrschenden streben immer danach, Opfer zu bringen. Sie kämpfen für die Rechte anderer Menschen, zum Schutz der Schwachen. Anders als die schwachen Menschen, die wenig erreichen und sich nicht durchsetzen können. Jede Mutter möchte, dass ihr Sohn mutig ist. Jede Mutter freut sich, gute Nachrichten über den Mut ihres Sohnes zu hören. Ein schwacher Mensch kann keine Ziele erreichen, Träume verwirklichen, Pläne umsetzen. Eine wichtige Eigenschaft der Mutigen ist zudem die Geduld. Die Geduld hilft den Starken, bei Schwierigkeiten nicht aufzugeben, sondern mit hartem Herzen weiterzugehen. Die Menschen sagen: Der Mut ist wie eine Stunde Geduld. Deshalb sollen Eltern immer Mut in ihre Kinder pflanzen.

Mohammed Slebi, Foto: Sandra Schuck

Ob ich selbst mutig bin? Ich fühle mich mutig, wenn es mir gelingt, in einem Konflikt mit meinen Eltern meine eigene Meinung zu äußern.

Übersetzung: Khaled Al Rifai

Nachklang zum Text „Wie eine Stunde Geduld“

Lamia: Ist Deine Mutter auch mutig?

Mohammed: Meine Mutter ermutigt uns, die Familie! Ich weiß nicht, ob ich sie selbst mutig nennen würde.

Dima: Ich finde, Frauen sind mutiger als Männer.

Khaled: Vor allem die arabischen und kurdischen Frauen müssen mutiger sein, wenn sie in der Gesellschaft oder in der Familie etwas machen möchten, das für mich als Mann ganz selbstverständlich ist.

Lamia: Frauen nehmen viele Herausforderungen an, die es für Männer gar nicht gibt. Wenn ein arabischer Mann beispielsweise eine deutsche Frau heiratet, ist das in Ordnung. Dass ich als Frau einen deutschen Mann heirate, ist undenkbar. Die Religion, die Kultur und die Gesellschaft stellen sich dagegen. Ein großes Glück war es für mich, dass ich zum Studieren nach Latakia gehen durfte. Dort habe ich soviel über die Welt gelernt! Ich bin die erste Frau in meiner Familie, die studieren konnte. Meine Familie stammt aus einer sehr konservativen Region. Nach mir konnten dann auch meine Schwester und meine Cousine an die Universität, und die anderen Frauen in meiner Familie werden hoffentlich auch diese Gelegenheit bekommen.

Dima: Es gibt noch einen großen Unterschied zwischen den Frauen in Syrien und den Frauen in Europa: In Syrien leben und sterben die Frauen für ihre Kinder. Hier in Deutschland leben die Frauen für sich selbst, auch wenn sie ihre Kinder lieben. Sie dürfen an sich selbst denken und für sich selbst etwas erreichen. Lamia: Die Frauen in Deutschland dürfen vieles als Selbstverständlichkeit erleben. In unserem Land müssen wir als Frauen für unsere Rechte noch kämpfen.

Dorte: In Deutschland kämpfen wir aber ebenfalls noch an vielen Stellen für die Gleichberechtigung!

Lamia: Ich weiß, aber zwischen den Situationen in unseren Ländern liegen Welten.

Issam: In Syrien kann es mutig sein, als Frau alleine zu wohnen. In Deutschland ist das kein Thema. In Deutschland würden manche vielleicht sagen, es sei mutig, über die eigene Homosexualität offen zu sprechen. Aber dann kennt Ihr Syrien nicht. In Syrien muss man Superkräfte haben, um das offen auszusprechen.

Dima: In Deutschland ist es mutig, als Frau mit Kopftuch auf die Straße zu gehen.

Dieser Text erschien 2018 in der 12. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland.

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