Aber bitte mit Respekt!

Um über Demokratie, Rassismus und Meinungsfreiheit zu sprechen, traf das nid-Team im Mai 2018 zwei Bildungsreferenten aus den Projekten „Partnerschaft für Demokratie“ in Hattingen und #selam: Piotr Suder und Rasheed Issa

im Gespräch mit Rashed Alalej, Mahmoud Aldalati, Zozan Alhashme, Laila Ammi, Nahed Al Essa, Dorte Huneke-Nollmann, Thamer Khale, Issam Alnajm, Hiba Nasab, Khaled Al Rifai, Ammar Sommak, Nour Al Zoubi vom nid-Team (Fotos: Wolfgang Wedel)

Anstelle einer Vorstellungsrunde zogen alle Anwesenden einen Zettel mit einer Frage: Denkst Du, auf deutschen Autobahnen sollte es ein Tempo-Limit geben? Denkst Du, Männer und Frauen sollten gleich viel im Haushalt arbeiten? Denkst Du, wir sollten mehr über Politik reden, oder weniger? Denkst Du, Busse & Bahnen sollten für alle kostenlos sein? Möchtest Du gerne mehr Kontakt zu Deinen Nachbarn haben? Über die jeweiligen Antworten lernten wir uns kennen – als Menschen mit unterschiedlichen Meinungen. Unterschiede aushalten, das ist die große Herausforderung in einer Demokratie.

Khaled Al Rifai

Khaled: Ich möchte sagen können, was ich denke. Aber ich mache damit keine guten Erfahrungen.

Piotr Suder: Man sollte über alles sprechen können! Ein Konflikt ist nicht unbedingt negativ. Um Streit und Eskalationen zu vermeiden, ist es gut, auf die Formulierungen zu achten. Wenn ich sage: „Du bist ein Rassist“, dann ist das eine Beschimpfung. Wenn ich aber sage: „Was Du sagst, ist in meinen Augen rassistisch!“, dann lässt sich darüber diskutieren.

Mahmoud: Von mir aus kann jeder sagen, was er oder sie denkt – aber bitte mit Respekt!

Khaled: Viele sagen, man solle nicht über alles sprechen. Religion sei Privatsache. Aber sobald wir auf die Schulen gucken, gibt es Konflikte. Da ist die Religion nicht mehr Privatsache.

Thamer: Wenn wir nicht über die Religion sprechen, wie erfahren wir dann etwas voneinander? An was wir glauben, wer wir sind?

Ammar Sommak

Ammar: Wir sind es aus unserer Heimat nicht gewohnt, dass die Religion kritisiert wird. Viele denken, dass wir auch in Deutschland nichts gegen die Religion sagen dürfen. Aber hier haben wir das Recht, unsere Meinung zu äußern.

Rasheed Issa: Man kann ja zunächst die Gemeinsamkeiten ansprechen. Dann gibt es eine Basis, auf der man auch über Unterschiede sprechen kann.

Laila: Unsere Großeltern haben über die Religion gestritten. Das sollten wir nicht wiederholen. Wir stören uns doch gegenseitig nicht!

Piotr Suder: Wenn wir nicht darüber sprechen, dann überlassen wir denjenigen das Wort, die Vorurteile schüren und pauschalisieren.

Rasheed Issa

Rasheed Issa: Seid Ihr schon mal beschimpft worden?

Laila: Ja – als ich in der S-Bahn ein arabisches Buch gelesen habe.

Nahed: In den ersten Monaten sehr viel. Inzwischen geht es. Inzwischen sind wir ja auch sprachlich in der Lage, zu reagieren!

Issam: Rassismus ist für uns aber nicht neu, wir kennen das aus anderen Ländern.

Khaled: Ich weiß, dass viele Menschen in Deutschland hinter mir stehen. Ich habe diese Solidarität gespürt. Und ich habe gelernt, dass ich hier viele Rechte habe. Das hilft.

 

Rashed Alalej

Wie reagiert man auf Beschimpfungen und Diskriminierungen am besten?

Rasheed Issa: Dazu geben wir in unseren Trainings ganz konkrete Hinweise. Zum Beispiel kann man meistens gut zurückfragen „Wie kommen Sie dazu?“

Nour: In Syrien sind wir gestorben, weil wir über Politik gestritten haben.

Rasheed Issa: Die Gesellschaft, in der wir leben, ist kompliziert geworden. Es ist wichtig, dass wir als Bürger*innen unsere Meinung sagen! Sonst kann Macht leicht missbraucht werden.

Laila: Die Politiker*innen führen unser Leben! Wenn wir sie nicht kritisieren, wer tut das dann? In Deutschland herrscht Meinungsfreiheit. Wir sollten mehr über Politik sprechen!

Issam Alnajm (rechts), mit Ammar Sommak

Issam: Aber nicht überall! Wenn überall politische Schubladen aufgemacht werden, dann ist kein Raum mehr für die Kunst!

Piotr Suder: Ich verstehe gut, was Issam sagt! Sobald die Politik ins Spiel kommt, tauchen Konflikte auf. Vor allem, wenn es um Parteien geht. Andererseits ist jede Vorstellung, die wir über unsere Gesellschaft entwickeln, politisch!

Der Titel unserer aktuellen Zeitung ist ICH + WIR. Was fällt Euch spontan dazu ein?

Piotr Sudar: Für mich klingt das sympathisch. Jedenfalls deutlich positiver als WIR + IHR. Das WIR kann ja Teil vom ICH sein. In meinen Augen sollte in einer Gruppe allerdings auch immer das ICH gewahrt bleiben. In unseren Fortbildungen empfehlen wir, die Kategorien WIR und IHR zu vermeiden. Denn das bedeutet automatisch eine Abgrenzung, geschlossene Gruppen, häufig verbunden mit unterschiedlichen Wertigkeiten. Alle Menschen sind aber grundsätzlich gleich viel wert.

Hiba Nasab

Rasheed Issa: Ich denke sofort an dieses Zitat: „Probleme lassen sich erst lösen, wenn wir WIR sagen.“

„Partnerschaft für Demokratie“ in Hattingen und #selam sind Projekte von IFAK e.V., gefördert durch das Bundesprogramm „Demokratie leben“. Zu den Angeboten gehört ein „Argumentationstraining gegen rassistische und rechte Stammtischparolen“.

Mehr über die Projekte im Internet: demokratie-leben-hattingen.de
ifak-bochum.de/selam

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