Damals als Kind

 Von Hamza Mahasna, 19 Jahre
Foto: Laila Mahasna

Damals dachte ich, das Leben sei einfach.
Ich wusste nichts von den Problemen auf dieser Welt.
Ich wusste nicht, dass Liebe so wichtig für das Überleben ist
dass es ohne Liebe kein Leben gibt.
Dann kam der Krieg.

Ich musste erleben, wie Menschen  ermordet wurden.
Ich musste erleben, wie Kinder auf der Straße leben
ohne ihreEltern.

Damals lief ich nach Hause zu meiner
Mutter, um neuen Mut zu finden.
Meine Mutter – sie war mein Mut!
Obwohl ich sah, dass es immer schlimmer wurde
immer mehr Menschen wurden getötet.
Ich wollte weg.

Ich kam in eine neue Welt, zu Menschen, die ich nicht kannte,
mit einer Religion, die nicht meine ist
in eine Kultur, die anders ist als meine.
Ich dachte, jetzt wird alles gut.

Kein Krieg, kein Morden, kein Stehlen.
Doch etwas fehlte, etwas hatte ich zurückgelassen:
meine Mutter
meinen Mut.

In der neuen Welt musste ich eine neue Sprache lernen
neue Freunde finden
auf eine neue Schule gehen.
Sollte ich aufgeben?
Würde ich es schaffen, ohne meine Mutter, ohne Mut?

Hamza Mahasna, Foto: Laila Mahasna

Ich war anders in dieser neuen Welt.
Ist es nicht toll, anders zu sein?
Für mich war es ein schlimmes Gefühl.
Bin ich ein Dieb?
Ein Terrorist?
Weil ich schwarze Haare habe?

Sie lachen, wenn ich spreche
weil ich nicht wie sie sprechen kann.
Sie wissen nicht, warum ich hier bin.
Sie denken, ich sei gerne hier.
Sie denken, ich sei glücklich
weil ich lächele.
Doch sie wissen nichts.

Ich war traurig, zerstört, verloren.
Dann habe ich Freunde gefunden.
Menschen, die mich immer hochgezogen haben
Menschen, die mich nicht verlassen haben.

Sie gaben mir neuen Mut,
sie haben mich wieder zum Leben erweckt
denn sie haben mich geliebt.

Warum sollten wir hassen, wenn wir lieben können?
Warum sollten wir töten, wenn wir nicht getötet werden wollen?
Anders zu sein ist eine gute Sache
wir sind alle anders geboren.
Wir sind alle Menschen, die einander brauchen, die Liebe brauchen.
Wir sind Menschen, die ohne einander nichts sind.

Wenn wir füreinander da wären
wenn wir einander liebten
dann wären wir mutig.

Dieser Text erschien 2018 in der 11. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“ >>PDF blättern

 

 

Ein Kommentar

  1. Jochen Gerz

    Liebe Zeitung, schön dass ihr das macht. Ihr bringt das Ganze immer wieder auf den Punkt. Und der Punkt bewegt sich. Das nennt man Fortschritt, da bin ich dabei. Danke.

    Antworten

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