Das Dorf, in dem unsere Schule lag, wurde normalerweise nicht bombardiert

Das Dorf, in dem unsere Schule lag, wurde normalerweise nicht bombardiert

Die langen Jahre des Krieges reißen tiefe Wunden bei allen Beteiligten. Unser Autor wurde außerdem von einer Kugel getroffen. Den körperlichen Angriff überlebte er nur knapp.

Von Ahmad Nasrullah

Es war Winter, wir hatten eine Französisch-Abschlussprüfung in der Schule. Plötzlich hörten wir acht Bombeneinschläge hintereinander. Das Dorf, in dem unsere Schule lag, wurde normalerweise nicht bombardiert. Alle erschraken heftig. Der Direktor führte uns in den Keller unserer Schule. Vier Freunde von mir waren ganz in meiner Nähe. Wir gingen langsamer, weil wir das aus anderen Städten schon kannten und besonders viel Angst hatten. Eigentlich sollten wir in der Schule bleiben, aber einer ging los und holte sein Auto.

Wir stritten untereinander, ob wir losfahren sollten. Ich wollte bleiben. Ein Lehrer sagte, die Mädchen und die Lehrerinnen sollten als Erste das Dorf verlassen. Zwei Cousinen von mir stiegen in ein Auto. Weil ich sie nicht alleine lassen wollte, stieg ich mit ein.

Ich erinnere mich sehr genau daran, wer wo im Auto saß. Meine Angst wurde größer, als wir mit hohem Tempo über drei Straßenschwellen fuhren und ich den Eindruck hatte, das Auto würde das nicht aushalten. Die Straße war eng. Meine Hände lagen kraftlos auf meinen Beinen. Wir fuhren eine kurvige Straße entlang. Plötzlich gab es einen lauten Knall. Dann hörten wir einen lauten, durchgehenden Ton, mehrere Minuten lang. Ich hörte mich atmen, als säße ich in meinen Lungen. Um mich herum war alles schwarz. Wie in einem Traum. Alles war unwirklich.

Ein Freund von mir schrie sehr laut: Er ist tot! Die Frauen, die in unserem Auto gesessen hatten, schrien auch. Aus einer Verletzung in meinem Gesicht spritzte Blut auf die beiden Frauen. Ein Freund von mir weinte. Ich dachte, sie seien verletzt worden. Ich dachte, eine Bombe sei auf unser Auto gefallen und alle wären verletzt. Ich muss helfen!, dachte ich.

Der laute Ton war immer noch da. Ich fühlte extreme Schmerzen. Ein Freund sagte: Der Hundesohn hat ihn erschossen! Ich muss ihn umbringen! Ich dachte, nun sei alles zu Ende. In wenigen Minuten würde ich sterben. Ich spürte keine Angst. Ich dachte: ich bin unschuldig. Ich würde einer von Millionen sein und sterben. Eine große Ruhe legte sich über mich. Dann wurde ich bewusstlos.

Später konnte ich mich an nichts mehr erinnern. Bis ein Krankenpfleger mich fragte, ob ich tot sei oder lebe. Irgendwann war ich in Damaskus im Krankenhaus. Mein Vater saß tagelang an meinem Bett. Ich wachte nur ab und zu auf und dachte, dass ich sterben würde. Zwei Wochen später durfte meine Familie mich nach Hause bringen. Ich konnte nicht laufen. Mein Gleichgewichtssinn war gestört. In meinem Mund war immer alles voller Blut. Ich hatte mehrere Zähne verloren und ein Loch im Gaumen.

Die Kugel war in meinem Mund explodiert und ein Stück war rechts neben meiner Nase wieder nach außen getreten. Ich konnte nur Brei und Suppe essen. Sprechen und Lachen war schwierig. Aber meine Freunde kamen jeden Tag zu mir zu Besuch und erzählten mir lustige Dinge, so dass ich trotzdem lachen musste. Unser Haus war immer voller Menschen, wie in einem Café.

Dieser Text erschien 2018 in der 12. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“.

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