Ich hasse Abschiede

Von Rashed Alalej

Meinen Freund Adnan (Foto, links) lernte ich in der ersten Klasse meiner Grundschule kennen. Seitdem gehörten wir zusammen. Wir hatten den gleichen Schulweg und viele andere Gemeinsamkeiten. In der siebten Klasse entschied der Direktor unserer Schule, dass wir nicht länger in die gleiche Klasse gehen sollten. Weil wir immer so laut lachten, wenn wir zusammen saßen, und während des Unterrichts miteinander sprachen. In der neunten Klasse waren wir wieder zusammen in einer Klasse. Ich weiß nicht, warum. Aber wir haben uns natürlich gefreut.

Zusammen lernten wir für die Abiturprüfungen  – und bestanden beide. Mich interessierten in der Schule am meisten die Fächer Rechtswissenschaft und Arabische Literatur. Deshalb wollte ich unbedingt Jura studieren. Adnan hatte daran weniger Interesse. Aber er wollte nicht allein studieren, also meldete er sich mit mir für ein Jura-Studium an.

Als wir im zweiten Jahr unseres Studiums waren, entschied ich mich zur Flucht. Der Krieg herrschte damals in unserer Heimat Syrien bereits seit mehreren Jahren. Es gab keine Hoffnung, keine Zukunft. Ich musste meine Eltern zurücklassen, meine Geschwister – und Adnan.

Adnan konnte nicht mit mir kommen, weil er nicht genug Geld hatte und seine Eltern nicht allein bleiben konnten. Ich wusste das. Deshalb sagte ich ihm nicht, dass ich gehen würde. Ich hasse Abschiede.

Als ich in Deutschland ankam, rief ich ihn an. Er verstand, warum ich wortlos gegangen war. Die Uni hat Adnan noch im gleichen Jahr abgebrochen. „Ohne Rashed ist die Uni ein glückloser Ort“, hat er gesagt. Irgendwann beschloss er, ebenfalls nach Deutschland zu kommen. Über den Libanon wollte er in die Türkei, von dort über Griechenland nach Deutschland. Doch als er noch im Libanon war, wurden die Grenzen geschlossen. Es gab keinen Weg für ihn nach Deutschland.

Es gibt aber auch keinen Weg für ihn zurück. Ginge er nach Syrien zurück, würde er sofort verhaftet werden. So hat er seine Eltern, seine Heimat und seinen besten Freund verloren. Adnan lebt jetzt allein im Libanon. Wir telefonieren jeden Tag.

Ich hoffe so sehr, dass wir uns eines Tages in Deutschland wiedersehen. Dass wir zusammen an die Uni gehen und gemeinsam studieren, für unsere Zukunft.

Über seine Flucht nach Deutschland schrieb Rashed Alalej (21, Foto, rechts) in der 6. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“  den Text „Unsere Nerven brannten“ .

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