Die Gesellschaft schweigt

Die Gesellschaft schweigt

Wenn Frauen von Männern geschlagen werden, verschlägt es einem schon mal die Sprache. Aber das kann keine Lösung sein.

Von Adla A.*

In einer kalten, düsteren Nacht im Winter begegnete ich einer jungen Frau: sie trug keine Schuhe, war barfuß und viel zu dünn gekleidet. Sie zitterte vor Angst und weinte. Manchmal blickte sie zurück, als würde ein Monster sie verfolgen. Ich versuchte lange, sie zu beruhigen und fragte sie immer wieder: Was ist mit Dir passiert? Warum trägst Du keine Schuhe? Die Frau antwortete: Bitte rette mich. Ich bin vor ihm geflüchtet, vor dem Schmerz. Ich verstand und nahm sie mit in meine Wohnung. Die Frau war 16 Jahre alt und seit zwei Monaten verheiratet.

Wir sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der ein Mann seine Frau schlagen kann, wenn Ärger in ihm aufsteigt – aus welchem Grund auch immer und selbst wenn es keinen Grund gibt. Sein Fluch legt sich über die Frau. Die Gesellschaft schweigt.

Eine Gesellschaft, die kein Erbarmen hat, gibt dem Mann diese Macht.
All diese Brutalität ist seine Errungenschaft.
Die Frau in dieser Gesellschaft ist gezwungen, das zu ertragen und geduldig zu sein. All diese Brutalität macht die Frau klein.
In ihrer Familie findet die Frau keine Zuflucht, auch nicht in der Familie ihres Mannes. Denn sie darf die Ehre des Mannes und der Familie nicht verletzen.

Aus welchem Grund
mit welchem Recht
nach den Regeln welcher Religion
geschieht der Frau diese Ungerechtigkeit?
Was ist meine Schuld?
Liegt es daran, dass ich eine Frau bin?

Zeichnung: Tim Fischer

*Der Name wurde von der Redaktion verändert. Die Autorin ist der Redaktion bekannt; der Text entstand bei einer persönlichen Begegnung.

Adla A. hat diesen Text über ihre eigenen Erfahrungen geschrieben, aber in der Erzählung die Rollen vertauscht. Sie selbst wurde im Alter von 16 Jahren an einen zehn Jahre älteren Mann verheiratet. Zwei Monate nach der Hochzeit wurde sie von ihrem Mann brutal geschlagen und sie fand Zuflucht bei einer Nachbarin. Aufgewachsen ist Adla mit sechs Schwestern und einem Bruder. Der Vater habe seine Aufmerksamkeit allein auf den Sohn gerichtet.

Übrigens: In Deutschland wurden 2017 laut Medienberichten knapp 140.000 Fälle häuslicher Gewalt polizeilich gemeldet. Die Dunkelziffer ist, wie immer, unbekannt. Mehr als 80 Prozent der Opfer waren weiblich. Laut Polizei kommt häusliche Gewalt vermehrt in Familien mit patriarchalem Denken vor, und zwar unabhängig von der nationalen Herkunft. Der 25. November ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen.

Dieser Text erschien 2019 in der 14. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“, Sonderausgabe FRAUEN.

 

2 Kommentare

  1. Anna

    „Wir sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der ein Mann seine Frau schlagen kann, wenn Ärger in ihm aufsteigt – aus welchem Grund auch immer und selbst wenn es keinen Grund gibt. Sein Fluch legt sich über die Frau. Die Gesellschaft schweigt.“
    Wie gut, daß es in der Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin anders ist. Zumindest legt sich hier nicht der Mantel des Schweigens über diese Taten. Hier muss keine Frau schweigen, denn es gibt Hilfsangebote von verschiedenen Seiten. Und es gibt einen moralischen und gesetzlichen! Grundsatz, der Gewalt gegen Frauen verurteilt und schlagende Männer für schwache Männer hält. Ich wünsche der Autorin ein gutes und gewaltfreies Ankommen in Deutschland und das gute Gefühl, eine sicherere neue Heimat gefunden zu haben.

    Antworten
    1. Kai-Uwe Bevc

      Ist das so?
      2017 starben 147 Frauen durch Partner oder Expartner, ca. 114.000 Frauen waren von Partnerschaftsgewalt betroffen, viele Frauen müssen mit einem gewalttätigen Partner nach Trennung kooperieren, weil sie ein Kind von ihm bekommen haben, mit richterlicher Anordnung. Und Umgangsrecht hebelt Gewaltschutz vollständig aus.
      Väterrechtler arbeiten daran, die Gewaltfrage vollends den Betroffenen als Beweisverfahren aufzudrücken. Die Behauptung wird schon jetzt oft als Bindungsintoleranz abgetan.
      „Ein die Mutter schlagender Mann muss kein schlechter Vater sein“ ist immer noch die Devise.
      Wenns hinter verschlossenen Türen kracht, gilt auch immer noch die Nichteinmischung.
      Psychische Gewalt wird nachwievor kaum anerkannt.

      Ich kann leider weder den moralischen noch den gesetzlichen Grundsatz wirklich erkennen, der Frauen hier schützt. Da wäre er: Istanbul-Konvention – die Umsetzung wird verschleppt.
      Es gibt Hilfe, ja, aber sie ist viel zu dünn und an vielen Stellen wird sie konterkariert. und unterlaufen.

      Ich glaube nicht, dass wir uns da in einem guten Licht zeigen. Jedenfalls keines, das uns erlaubt, uns „mitfühlend zu den Anderen hinunter zu beugen“.

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