Hallo Du, dürfen wir Sie etwas fragen?
Für das Duzen und Siezen im Deutschen wurden die Regeln in den letzten Jahren immer lockerer. Fest steht aber, dass viele Geflüchtete ein Gespräch mit „Sie“ beginnen – und meistens beim „Du“ landen.
Khaled: Am Anfang habe ich zu allen „Sie“ gesagt. Weil das einfacher ist, man muss das Verb nicht verändern. Einfach „Sie“ und der Infinitiv.
Rashed: Ja, das stimmt, das ist einfacher! Ich sage auch meistens „Sie“. Ich bin das so gewohnt, weil ich zu meiner Deutschlehrerin „Sie“ sage. Mit ihr spreche ich schließlich am
meisten!
Dorte: Untereinander im Kurs sagt Ihr aber „Du“?
Issam: Ja, untereinander sagen wir zu allen „Du“.
Dorte: Auch wenn ältere Menschen in Eurem Kurs sitzen?
Alle: Ja.
Khaled: (lacht) Das fragst Du wegen Azeddin Darmach! Dorte sagt nämlich zu uns allen „Du“, nur Herr Darmach (69 Jahre) wird gesiezt.
Dorte: Ja, das fühlt sich für mich richtiger an.
Khaled: Ich finde das „Sie“ nicht notwendig. Man kann doch auch freundlich und respektvoll sein, ohne diese grammatische Form. Ich habe übrigens auch schon Leute erlebt, die sich gesiezt haben, aber trotzdem sehr unhöflich miteinander gesprochen haben!
Nahed: Mir ist immer das „Du“ am liebsten! Von der Grammatik her ist „Sie“ besser. Das stimmt. Aber „Du“ ist für die Kommunikation besser. Ich war übrigens mal eine „Du-Brücke“ für zwei Menschen: Ein deutscher Freund und mein Vermieter haben sich jahrelang gesiezt.
Nachdem wir drei viel miteinander zu tun hatten, um mir eine Wohnung zu besorgen, haben die beiden beschlossen, sich zu duzen. Eine große Sache für diese beiden Männer!
Dorte: Früher haben sich noch viel mehr Menschen geziezt. Übrigens auch, wenn sie sich gut kannten. Meine Mutter wohnt seit über 30 Jahren auf einer kleinen Straße. Alle Anwohner kennen sich. Ein Nachbar gießt die Blumen, wenn meine Mutter verreist, eine andere hat einen Zweitschlüssel für Notfälle, ein anderer macht ihr den Garten… Bis
vor wenigen Monaten waren sie alle per Sie.
Nahed: Unglaublich! Warum machen sie das?
Dorte: Das war in dieser Generation eben so.
Nahed: Und warum haben sie dann angefangen, sich zu duzen?
Dorte: In dem Moment, in dem ein Nachbar wegzog…
(fassungsloses Lachen)
Nahed: Ich habe immer das Gefühl, da ist eine Wand zwischen mir und der anderen Person, wenn ich „Sie“ sage.
Dorte: Findet Ihr, die deutsche Sprache sollte auf das „Sie“ verzichten?
Nahed: Nein, es macht die Sprache reicher!
Issam: Nein, in offiziellen Situationen braucht man das „Sie“.
Lamia: In unserem Deutschkurs haben sich neulich zwei Syrer gestritten, weil der eine den anderen mit „Du“ angesprochen hat. Offenbar wollte er gesiezt werden.
Dorte: Das „Du“ ist inzwischen in Deutschland viel normaler geworden, als es früher der Fall war. Trotzdem ist es höflicher, bei der ersten Begegnung darüber zu sprechen, ob man
„Du“ oder „Sie“ sagt.
Khaled: Wenn ich unsicher bin, sage ich einfach so oft „Du“ und „Sie“ durcheinander, bis der andere sagt: „Sag doch einfach ‚Du‘.“
Dorte: Bei freundschaftlichen Begegnungen ist das ok, bei der Arbeit geht das nicht. Ich finde übrigens, dass Ihr bei fremden Leuten darauf bestehen solltet, mit „Sie“ angesprochen zu werden. Zum Beispiel auf der Straße und natürlich in offziellen Gesprächen. Kinder werden mit „Du“ angesprochen … und leider manchmal auch Menschen, die nicht perfekt Deutsch sprechen. Ihr seid aber erwachsen.
Rashed: Ich hatte mal einen Deutschlehrer, der Marokkaner war. Im Kurs habe ich natürlich „Sie“ zu ihm gesagt. Als der Kurs zu Ende war, traf ich ihn weiter, wir sprachen manchmal auch Arabisch – und benutzten die formelle Form auch im Arabischen. Er war schließlich mein Lehrer.
Im Gespräch: Khaled Al Rifai, Rashed Alalej, Nahed Al Essa, Issam Al-Najm, Lamia Hassow, Dorte Huneke-Nollmann

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