Nacht

Nacht

Körperlich blieb Hiba Nasab im Krieg und bei ihrer Flucht aus Syrien unversehrt. An den seelischen Wunden trägt sie schwer und ist froh, dass ihr Mann an ihrer Seite steht.

Von Hiba Nasab

Die Nacht hat traurige Stimmen, die nur von denen gehört werden, deren Herzen müde sind von den Stunden und Tagen. Wenn die Nacht in den Schlaf fällt, erwachen die Erinnerungen. Die Erinnerungen tragen den Staub vertrockneter Blätter, den Schmerz meines Landes, die Fremdheit und die Ungewissheit. Mein Leben ist eintönig geworden. Jeder Tag wiederholt sich.

Ich bin aufgewacht, ich lebe nun in diesem Land, als wäre ich dem schrecklichen Krieg entkommen, der uns Jahr für Jahr gefangen hielt. Dieser Krieg verzehrte meine Kraft, er machte meine Haut dünn. Meine Widerstandskraft ist aufgebraucht. Ich kann nicht mehr.

Hiba Nasab, Foto: Ammar Sommak

Seht, meine Seele macht ihre letzten Atemzüge. Sie wohnt in einem erschöpften Körper. Mein Körper ist der Sarg meiner Seele und sucht einen Platz, an dem sie endlich zur Ruhe kommen kann. Wie kann ich die Geduld wiederfinden, die aus dem Herzen meiner Mutter quillt?

Meine Mutter hielt mich in ihren warmen Armen. Auf ihrem Schoß spürte ich die Wärme und Schönheit des Lebens, nach denen ich mich so sehr sehne. Damit ich die Tränen der durchwachten Nächte weinen und die Sorgen von meinen Schultern abwerfen kann.

Mama, ich habe mich verändert. Ich bin nicht mehr das fröhliche Mädchen, dessen Lachen selbst von dem letzten Stein in unserem Viertel gehört wird. Ich weiß noch, wie Du zu mir sagtest, „Deine Stimme wird in Europa ankommen!“ Jetzt bin ich in Europa. Doch mein Lachen habe ich bei Dir gelassen. Pass bitte gut auf dieses Lachen auf, bis ich zurückkomme! Auf der Flucht trug ich meine ungeborene Tochter in meinem Leib. Zwischen Hoffnung und Todesgefahr lief ich immer weiter, einen Schritt vor, und im Herzen zwei Schritte zurück. Nur für sie lief ich weiter.

Zwei Jahre später gehen drei mit mir durch mein Leben: mein Mann, mein Kind – und eine Freundin der anderen Art, die mich schwächt und meine Seele müde sein lässt. Sie nimmt mir die Freude an meiner Tochter, deren Ankunft ich monatelang erwartet habe und für die wir aus dem Land geflohen sind, dessen Erde bedeckt war mit Patronenhülsen und erfüllt vom Geruch des Gewehrpulvers. In dem der süße Duft des Jasmins erstickt wurde. Diese neue Freundin ist meine Depression. Sie breitet sich über mein Leben wie ein böser Geist, der die Wasser des Lebens austrocknet und alles zu einer öden Wüste macht.

In diesem neuen Land treffe ich immer wieder Frauen, die so fühlen wie ich: aus ihrer vertrauten Umgebung wurden sie herausgerissen, Erinnerungen und geliebte Menschen mussten sie zurücklassen und finden sich in einer neuen Welt wieder, in der anders gelebt und gesprochen wird. Auf der untersten Sprosse der Gesellschaft kommen wir hier an, isoliert.

D e p r e s s i o n … ein hässliches Wort, dessen Buchstaben meine Hände zittern lassen, wenn ich sie aufschreibe. Die Tage vergehen und die Depression wird zu einem Teil meines Körpers. Meine Tochter weint und ich fühle jede Träne von ihr. Meine Tochter lacht, die Freude fließt über ihre Lippen, und ich fühle nichts. Schöne Kleidung, Restaurants und all die anderen Dinge, die unser Leben leicht machen, haben keine Bedeutung für mich. In meinen Augen sind sie tot. Ich habe versucht, Türen zu finden, die mich aus den den weiten Räumen der Depression hinausführen, aber ohne Erfolg. Ich gehe einkaufen. Ich gehe zum Deutschkurs. Ich treffe Freunde. Doch sobald ich über die Schwelle meiner Wohnungstür trete, bin ich in einem Raum der Traurigkeit.

Die Ärzte konnten die Ursache für meine Schmerzen nicht finden, die sich in meiner Seele niedergelassen haben. Ich bekam Medikamente, die mich aus dieser Hölle befreien sollten. Aber die Schmerzen gingen nicht weg, ich bekam Kopfschmerzen und Kreislaufbeschwerden und wurde immer müder vom Leben. Wie lange würde das so gehen? Gleichzeitig weiß ich, dass in meinem innersten Kern noch meine Kraft ist, trotz allem. An dieser Kraft möchte ich festhalten. Der Geist, der die Wasser austrocknet, wird mich nicht beherrschen. Ich verfluche diesen Wahn, die Antidepressiva und den Gedanken, dass mein Leben vorbei ist, egal was passiert. Das Leben zeigt seine Schönheit nur denen, die sie sehen wollen; die in der brennenden Kerze das Licht sehen und in den gelben Blättern des Baumes das neugeborene Leben.

Heute sehe ich noch das Schwarz zwischen den Buchstaben, aber ich bin sicher, dass das aufhören wird. Es ist Zeit, dass die Farben des Frühlings erwachen und das Schwarz in seinen Schlaf versinkt. Ich rufe Euch zu: Die schwarze Tinte ist aufgebraucht! Sehr bald werde ich wieder die bunten Farben des Lebens schmecken.

Dieser Text erschien 2018 in der 12. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“.

Kontakt Hiba Nasab: hibana1991@gmail.com

2 Kommentare

  1. Tanja

    Liebe Hiba, Danke für Deinen Text. Er hat mich sehr berührt. Danke. Vielleicht magst du diese Worte von Mevlana Rumi lesen, mir haben Sie schon oft geholfen „Das Gasthaus“
    Das menschliche Dasein ist ein Gasthaus.
    Jeden Morgen ein neuer Gast.
    Freude, Depression und Niedertracht –
    auch ein kurzer Moment von Achtsamkeit
    kommt als unverhoffter Besucher.
    Begrüße und bewirte sie alle!
    Selbst wenn es eine Schar von Sorgen ist,
    die gewaltsam Dein Haus
    seiner Möbel entledigt,
    selbst dann behandle jeden Gast ehrenvoll.
    Vielleicht bereitet er dich vor
    auf ganz neue Freuden.
    Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit –
    begegne ihnen lachend an der Tür
    und lade sie zu Dir ein.
    Sei dankbar für jeden, der kommt,
    denn alle sind zu Deiner Führung
    geschickt worden aus einer anderen Welt. Rumi

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