Das Wetter übertreibt doch!

Von Nahed Al Essa

Meine Kinder konnten anfangs nicht glauben, dass sie zur Schule gehen sollten, obwohl es noch Nacht war! Woher sollten sie wissen, dass ein neuer Tag begonnen hatte, wenn es draußen kein Anzeichen dafür gab? Sie waren neu in Deutschland und morgens war es sehr, sehr dunkel, wenn wir aufstanden. Wo war der neue Tag?

Inzwischen haben sie sich daran gewöhnt. Nur mich selbst kann ich noch nicht davon überzeugen, dass der Tag beginnt, wenn draußen noch Nacht ist. Das Wetter übertreibt doch!

Über mir hängt ein enormer, dunkler, grauer Himmel wie aus Baumwolle. Im Wetterbericht gibt es dafür immer wieder nur ein Wort: Es ist bedeckt. Es wird bedeckt sein. Es bleibt bedeckt. Wovon wir bedeckt werden, das wurde nicht berichtet.

Nahed Al Essa trägt ihre Texte auf verschiedenen Bühnen vor, hier im Bochumer Theater 48. Foto: Sami Omar.

Mein Problem ist, dass ich im heiteren Teil der Welt aufgewachsen bin, wo die Sonne jeden Tag an die Fenster klopft. Sie ist unser göttlicher Wecker. Tag für Tag.

Tag für Tag fühle ich mich, als hätte mich jemand in ein Baumwollbündel gepackt und weggerollt. Aber meine Haltung bleibt gerade und ich kämpfe weiter, mit meinen eigenen Farben… Vielleicht hat es gar nichts mit dem Wetter zu tun, dass mir immer kalt ist und mein Körper zittert.

Vielleicht habe ich nur selbst meine eigene Sonne auf der Flucht verloren. Vielleicht lässt die Sehnsucht mich zittern, sie lässt nicht ab von mir.

Es könnte noch vieles andere sein. Aber kalt ist mir auch und es ist dunkel. Damit übertreibt das Wetter hier wirklich!

20. Dezember 2017, kurz vor Mitternacht

Dieser Text erschien 2018 in der 10. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“

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