Ich habe die Chance, neu anzufangen

Ich habe die Chance, noch einmal neu anzufangen

Von Rita H.*
Bild: Gemälde der jungen syrischen Künstlerin Ahin Hasan Ali

Die sogenannte Unberührtheit der Frau spielt(e) in vielen Gesellschaften eine wichtige Rolle. Damit sollen Anstand und Ordnung gesichert werden. Das Leben einer Frau jedoch, kann damit ins Chaos gestürzt werden.

Neulich war ich beim Arzt und als ich dort mein Anliegen vortrug, schauten mich die Helferinnen alle mit großen Augen an. Warum das denn? Ist das so wichtig? Wer will das wissen? Machen das viele in Deinem Land? Woher kommst Du? Als ich ihre Fragen hörte, wollte ich antworten: Aus der Hölle komme ich! Aber ich antwortete freundlich, wie es sich gehört: Ich komme aus Syrien. In Syrien ist die Unberührtheit der Frau sehr wichtig. So wichtig, dass eine Frau gezwungen sein kann, einen Nachweis darüber zu erbringen, dass sie noch Jungfrau ist.

Wäre ich in Syrien in eine Arztpraxis gegangen, hätte mich niemand gefragt, ob das so wichtig sei. Vielleicht hätten mich die Augen der Helferinnen gefragt, wie es passieren konnte, dass ein Zweifel an meiner Jungfräulichkeit in die Welt gekommen ist. 99 Prozent der Frauen in Syrien haben nach ihrem Schulabschluss den gleichen großen Wunsch: Sie möchten die Liebe finden und heiraten. Ich hatte immerhin mein Studium schon beendet, als sich bei mir der Wunsch breit machte, zu heiraten. In meiner Heimat ist es so, dass meist mehrere Leute dabei mithelfen, einen geeigneten Partner und die Liebe zu finden. Zwei Jahre nach meinem Universitätsabschluss war ich verlobt. Anderthalb Monate später ging ich nach Europa.

 

Die Künstlerin Ahin Hasan Ali lebt seit 2018. Einige Werke von ihr erschienen 2019 in der 14. Ausgabe der nid-Zeitung, Sonderausgabe Frauen.

Eine Frau trifft einen Mann. Die Frau träumt davon, zu heiraten, eine Familie zu gründen. Der Mann träumt von Europa. Im Land herrscht Krieg. Der Mann beginnt, für die Frau eine Reise zu planen, eine Reise nach Europa. „Geh Du voran, ich komme später nach!“ Die Reiseroute ist lang und mühsam. Alle möglichen Transportmittel kommen darin vor, aber kein Flugzeug.

 

Die Frau macht sich auf den Weg, zusammen mit ihrer Mutter und einer Schwester. Nach einem Monat erreichen die drei Frauen das Ziel: Europa. Während die Mutter und die Schwestern weiter nach Norden reisen, hat die Frau ein anderes Ziel. Sie muss nach Deutschland. Denn in Deutschland besteht die Möglichkeit, dass sie ihren Mann nachholen kann.

Das Leben in Deutschland ist nicht einfach für die Frau, die zum ersten Mal alleine lebt, alleine wohnt. Sie versucht, ihre Zeit sinnvoll zu füllen. Hilft bei verschiedenen Vereinen, der Tafel und in der Kleiderkammer mit.

Der Vater der Frau will nach Deutschland zu seiner Tochter kommen. Doch nach einer mühsamen Wanderung über Berge und weite Strecken zwischen Aleppo und Antakya erleidet er einen Herzschlag und stirbt.

Auch die Liebe der Frau zu dem Mann, der von Europa geträumt hat, stirbt bald darauf. „Wenn ich nach Deutschland komme, bringe ich noch eine andere Frau mit. Hilfst Du mir trotzdem, nach Deutschland zu kommen?“ Es war die dümmste Frage in der Welt aller Fragen. In den Ohren einer Frau, die für ihren Mann bis nach Europa gegangen ist.

Warum ich das alles gemacht habe? Ich habe an die Liebe geglaubt – und in meiner Welt kann eine Frau zu ihrem Mann nicht Nein sagen. Also bin ich nach Europa gegangen. Bevor ich ging, haben wir geheiratet und ich habe meinem Mann eine Generalvollmacht übertragen. Ich kenne viele Frauen, die es genauso gemacht haben wie ich.

Von dem Mann, den ich zwei Monate kannte, bevor wir uns verlobt und geheiratet haben, möchte ich mich nun scheiden lassen. In meiner Welt ist es jedoch schwierig für eine Frau, sich scheiden zu lassen – es sei denn, sie kann nachweisen, dass die Ehe nie vollzogen wurde. Deshalb war ich beim Arzt. Ich habe die Chance, noch einmal neu anzufangen.

Gemälde der jungen syrischen Künstlerin Ahin Hasan Ali.

Dieser Text erschien 2019 in der 14. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“, Sonderausgabe FRAUEN.

*Name von der Redaktion geändert.

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