Jede Nacht

Von Nahed Al Essa

Jede Nacht packe ich meine zwei Sachen
und ziehe um.
Von Deutschland nehme ich meine Armbanduhr mit
und Augentropfen.

Ich warte, bis die Dunkelheit kommt,
dann schleiche ich über die Grenze,
wie ein Phantom,
und erwache in meiner Stadt,
Damaskus.

Unendliche Geschichten reihen sich aneinander,
in Damaskus ist die Nacht ein anderes Leben,
eine Nacht dort ist wie tausend Nächte hier.

Damaskus verschließt ihre Augen nicht vor uns,
aber eines ihrer Augen ist verwundet.
Sie kann uns kaum sehen…
Meine Stadt mit den strahlenden, braunen Augen,
von der auch ich meine Augen bekam.

Ich setze mich zu ihr,
sie schenkt mir einen Kaffee ein
und erzählt
von neuen Menschen, die kamen,
in die historischen Häuser zogen.
Die Häuser sind andere geworden,
mit den Menschen, die sie bewohnen.

Sie weint
und erzählt:

Die Gesichter in der Stadt haben ihr Lächeln verloren.
Das Glück wurde zerbombt.
Straßen brechen auseinander.

Die Menschen, die ich kannte,
sind geflohen.
Sie wurden getötet
und träumen von der Sonne.

Wie mein Auge
hat die Zukunft ihr Licht verloren,
sie wurde verletzt.

Was sicher war,
ist eine Erinnerung.
Den Frieden sehe ich nicht.

Dann schweigt Damaskus.

In ihr Auge gebe ich die Tropfen,
die ich für sie mitnahm,
um sie zu heilen,
meine Liebe.
Ich setze mich neben sie,
trinke meinen Kaffee,
bis sie schlafen kann.

Meine Armbanduhr erinnert mich.
Es ist Zeit,
ich muss in die Gegenwart zurück.
Ich stehe auf
höre auf zu träumen,
bis es Abend wird.
Dann packe ich meine zwei Sachen
und ziehe um.

 

 

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