Schneetage

Schneetage

Im Iran hat Nahid Darabian als Kind gerne im Schnee gespielt. In diesem Jahr erlebte sie den Winter in Süddeutschland – mit schönen Erinnerungen.

Von Nahid Darabian

Wenn ich an den Winter im Iran denke, sehe ich die Labu-Verkäufer vor meinen Augen, sie verkaufen köstliche, heiß gekochte Rote Beete. In meiner Heimatstadt Kermanschah hat es in meiner Kindheit manchmal so viel geschneit, dass sogar die Schulen für ein paar Tage geschlossen wurden. Als Kind habe ich dann morgens aufgeregt vor dem Radio gesessen – und wenn ich hörte, dass die Schule ausfiel, lief ich wie alle anderen Kinder glücklich nach draußen, um im Schnee zu spielen. Wir bauten Schneemänner, warfen uns auf den Boden, schüttelten den Schnee von den Bäumen. Ach, wie nass wir alle wurden! Aber wir lachten und waren fröhlich.

Meine Mutter rief irgendwann, wie alle anderen Mütter: „Das reicht! Komm rein, Du wirst ja krank! Mach lieber Deine Hausaufgaben!“ Die älteren Frauen in unserer Stadt trugen damals Socken über den Schuhen, um nicht auszurutschen. Das war gut und sicher, aber es sah überhaupt nicht schön aus! Wir Kinder haben das nie gemacht. Wir wollten ja rutschen!

Früher, als meine Mutter ein Kind war, soll es in Kermanschah sogar noch mehr geschneit haben! Die Straßen seien damals schmaler gewesen und der Schnee habe sich in den Straßen getürmt, so dass die Menschen über Berge von Schnee laufen mussten, erzählt sie.

Nahid Darabian, Foto: privat

Wenn wir Kinder nass und kalt gefroren waren, liefen wir nach Hause. Ich setzte mich sofort neben den Ölofen, um mich zu wärmen, den Duft der leckeren Suppe in der Nase, die meine Mutter gekocht hatte. Wenn ich Glück hatte, erzählte meine Oma mir Märchen von Königen und Prinzessinnen. Natürlich kenne ich auch „Schneewittchen und die sieben Zwerge“! Bevor ich schlafen ging, machte ich meine Hausaufgaben, eher krumm und schlief, und betete, dass die Schule am nächsten Tag wieder geschlossen wäre.

In diesem Jahr habe ich den Winter in Süddeutschland erlebt. Alle Häuserdächer waren mit Schnee bedeckt und die Bäume trugen schneeweiße Kleider – fast wie auf einer Baumwollfarm. Es hat sehr, sehr viel geschneit. Meine Hände froren ein, wenn ich draußen herumlief, aber das machte mir nichts aus. Ich vermisste nur die Stimmen, die mich zu einer Schneeballschlacht herausrufen „Hey, lass uns im Schnee spielen…!“

Ich ziehe mich warm an für einen Spaziergang. Der Schnee knirscht unter meinen Schritten und ich hinterlasse Spuren. Meine Hände formen einen Schneeball und ich habe das leichte Gefühl von damals…nicht zur Schule zu müssen, keine Prüfungen zu haben.

In Kermanschah hat es schon seit vielen Jahren nicht mehr geschneit.

Dieser Text erschien 2019 in der 14. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“, Sonderausgabe FRAUEN.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.