Keiner hatte Hoffnung

Abdulrahman Salah (24) kämpfte ums Überleben – wo andere Urlaub machen.

Ich schämte mich. Die Kameras klickten so laut. Tatsächlich waren sie lauter als die Artilleriegeschosse, die ich oft neben meiner Haustür gehört hatte. Ihre Blitze trafen mich schärfer als die Messer der Soldaten, denen ich begegnet war. Sie hatten großen Spaß. Was ist besser als uns in unserem Elend zu sehen? Mit sonnenverbrannter Haut in salziger Kleidung. Ich glaube nicht, dass sie eine Vorstellung davon hatten, wie es sich anfühlt – nachdem man einen Tag hoffnungslos auf dem Meer getrieben ist, auf einem kaputten Schiff- mit einer Menge Arschlöchern, die Angst hatten zu sterben. Ein kleines Boot? Vielleicht waren wir einfach nur zu viele. Aber es war Zeit, wir mussten gehen. Nicht zurückschauen.
Mit einem unerfahrenen Bootsführer stachen wir in See, und bald darauf entschieden mein Freund und ich, die Kontrolle über das Boot zu übernehmen.

Es war ein endloser Moment des Wartens.

Jetzt waren wir die Führer des Bootes. Wir bewegten uns gleichmäßig und langsam zum gegenüberliegenden Ufer. Der Moment kam. Der Motor setzte aus. Wir waren noch nicht angekommen. Wir realisierten, dass der erste Benzinkanister leer war. Glücklicherweise hatten wir noch einen weiteren. Es war so schwierig, den Motor wieder anzuwerfen – und ebenso schwierig wäre es gewesen, die Blicke der anderen Menschen auf dem Boot zu beschreiben, den Ausdruck auf ihren Gesichtern. Es war ein endloser Moment des Wartens.
Die ersten Sonnenstrahlen kamen und die Dunkelheit des Meerwassers verschwand in einer blauen Farbe. Ein großes Schiff tauchte am Horizont auf – und wir sahen darin Hoffnung.

Ich sprang ins Wasser – und hatte plötzlich Spaß.

Der Motor lief wieder, wir bewegten uns. Für mich und meinen Freund war klar: Das Benzin, das wir noch hatten, würde nicht reichen, um das andere Ufere zu erreichen. Aber wir hatten ein Ziel. Das große Schiff kam näher und näher.
Je näher es kam, desto glücklicher wurden wir. Es war ein Kriegsschiff mit zwei kleinen Booten, überall mit Waffen bestückt. Soldaten sprangen auf unser Boot und zerstörten mit einem Schlag unseren Motor. Wir hatten gedacht, dass sie uns helfen würden. Aber das war nicht ihr Plan. Sie zogen uns mitten aufs Meer und wir waren im Niemandsland – zwischen der Türkei und Griechenland. Tatsächlich fühlte ich gar nichts. Ich war nicht froh, ich war nicht traurig. Ich fühlte gar nichts. Ich sprang ins Wasser – und hatte plötzlich Spaß. Ich sagte zu meinen Freunden – ich habe 1400 Euro hierfür bezahlt und ich möchte diese Zeit genießen. Alle hatten Angst, keiner hatte Hoffnung, alle hatten Hunger.
Das Kriegsschiff kam zwei, drei Mal zu uns. Sie kamen nah an uns heran. Sie schimpften mit uns. Sie sagten: „Arschlöcher, schwimmt zurück zur Türkei!“ Ich hatte die Idee, mit dem Boot zu schwimmen. Fünf Leute halfen mir Die anderen rund fünfzig waren Arschlöcher. Nach drei oder vier Stunden waren wir müde. Es funktionierte nicht. Wir entschieden, nichts mehr zu tun. Nur noch zu warten.
Nach einem Tag im Meer kam die türkische Küstenwache und nahm uns auf. Unser erster Trip endete an einem Touristenstrand und unser Tag kam zu einem Ende – als Teil ihrer täglichen Unterhaltung.

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