Mein zweites Zuhause: Die Stadtbücherei

Von Issam Al-Najm

In den ersten Wochen, die ich im Herbst 2015 in Bochum verbrachte, wohnte ich in einer Turnhalle, zusammen mit vielen anderen Menschen, die ich nicht kannte. Die Sehnsucht nach meiner Familie und meinen Büchern, die ich in Syrien gelassen hatte, wohnte bei mir. Bald besuchte ich einen Deutschkurs. Und über meinen Deutschlehrer lernte ich eines Tages die Stadtbücherei kennen.

Diesen Tag erlebte ich wie ein Kind, das vor einem großen Berg mit Geschenken steht. Aufgeregt lief ich zwischen den Regalen umher, streifte vorsichtig die Bücher, die darin aufgestellt waren. Ich hörte Lachen, Weinen und Spiel, die aus den Buchseiten kamen, irgendwoher kam Musik, Unterhaltungen, Erzählungen.

Seitdem verbringe ich fast jeden Tag in der Stadtbücherei. Ich lese, lerne, schreibe Gedichte – und genieße es, zwischen tausend Büchern zu sitzen. In Syrien habe ich über meine Bücher die  europäische Gesellschaft und die europäische Kunst kennengelernt. Die Bücher pflanzten in mir eine Sehnsucht, das europäische Leben kennenzulernen, die Menschen in Europa zu verstehen, an dieser Gesellschaft teilzuhaben. Kunst, Musik und die Literatur sind in meinen Augen die schönsten Dinge, die die Menschen je gemacht haben und bis heute machen. Sie zeigen die menschliche Seite von uns.

Dieser Text erschien 2018 in der 9. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“.

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