„Mama, haben wir in Syrien Krankenhäuser?“

Von Amir Ahmed

Die Kinder von Amir Ahmed haben nur wenige Erinnerungen an das Land ihrer Eltern.
Wie hält man Kinder vom Krieg fern, aber der Heimat verbunden?

Übersetzung: Khaled Al Rifai

Meine Tochter Besan war vier Jahre alt, als wir Syrien verließen. Sie hat kaum eigene Erinnerungen an unser Land und an den Krieg. In unserer Stadt Al Hasaka im Norden Syriens war der Krieg damals noch nicht angekommen. Drei Jahre verbrachten wir in der Türkei, seit zwei Jahren leben wir in Deutschland. Besan ist inzwischen neun Jahre alt und fragt manchmal ihre Mutter: „Mama, haben wir in Syrien Krankenhäuser? Gibt es dort Autos?“

Amir Ahmed, Journalist aus Al Hasaka

Wahrscheinlich hat sie diese Fragen von Deutschen aufgeschnappt. Manchmal fragt sie mich: „Papa, warum ist in Syrien Krieg?“ Und ich sage: „Der Präsident will auf seinem Stuhl sitzen bleiben, aber das gefällt nicht allen.“ In den Augen meiner Tochter ist das syrische Volk kaltherzig und gewalttätig. Wenn sie auf diese Art über die Menschen aus Syrien spricht, sage ich zu ihr: „Aber Du bist auch Syrerin!“ – „Nein!“, sagt Besan dann. „Ich habe damit nichts zu tun.“

Mein Sohn Behas ist zehn Jahre alt. Für ihn war unsere Zeit in der Türkei am härtesten. Er wurde dort sechs, konnte aber nur wenige Wochen zur Schule gehen und die türkischen Kinder auf der Straße spielten nicht mit ihm. Die meiste Zeit des Tages verbrachte er allein, zog sich immer mehr in seine Geschichten zurück, schaute Fernsehen, vor allem Cartoons, und spielte nach,was er dort sah. Meine Frau und ich sorgten uns, er könnte durch diese Abschottung eine Scheu vor der Gesellschaft entwickeln. Als wir nach Deutschland kamen, war Behas neun und besuchte zum ersten Mal regulär eine Schule. Anfangs war er extrem schüchtern, aber mittlerweile hat sich das um 180 Grad gedreht. Er schreibt gute Noten und hat zwei „heilige Freunde“ – so sagen wir in Syrien zu den „besten Freunden“.

„Erinnerst Du Dich daran, Papa?“

Behas (9) im Schnee in Herne.

Wenn unsere Kinder uns nach dem Krieg fragen, gehen wir nicht in die Tiefe. Wir versuchen auch, sie von den Nachrichtenbildern fern zu halten. Aber das gelingt natürlich nicht immer.

Auf unserer Flucht hörten wir an der Grenze von Syrien auf einmal Schüsse. Ich trug Behas, der damals fünf war, auf meinem Arm. Er presste sich fest an mich. Daran erinnert er sich. Er fragt mich oft: „Erinnerst Du Dich daran, Papa? Als geschossen wurde und Du mich auf Deinem Arm ganz festgehalten hast?“

Behas erinnert sich auch an seine Cousins und Cousinen, die noch in Syrien sind, und an seine Großeltern. Sein Fahrrad steht noch im Garten seines Großvaters, wo sie oft gespielt haben, und eine Kiste mit Spielzeug. Wenn sie miteinander telefonieren, sagt Behas immer: „Opa, ist das Fahrrad noch da?“ Und der Großvater bestätigt es. „Auf die Spielzeugkiste musst Du ganz gut aufpassen! Bis ich wiederkomme!“ Behas hofft, dass er eines Tages in den Garten seines Großvaters zurückkehren kann. „Aber nur zu Besuch“, sagt er. Er möchte in Deutschland bleiben. „Hier habe ich meine Freunde.“

Der Name „Behas“ bedeutet übersetzt: der mit dem trägen, stolzen Gang eines satt gegessenen Löwen. „Besan“ ist ein Ort im heutigen Palästina. Im Sommer 2017 kam in der Familie ein drittes Kind zur Welt: „Baylesan“ trägt den Namen einer Blume, aus der in der arabischen Kultur Parfum hergestellt wird.

Amir Ahmed lebt mit seiner Familie in Herne.

Fotos: Amir Ahmed (von Sami Omar), Besan im Schnee (privat)

 

Dieser Text erschien 2018 in der 9. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“ (1/2018).

 

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