Ohne anderen auf die Füße zu treten

Ohne anderen auf die Füße zu treten

Von Khaled Al Rifai

Ich bin in einer patriarchalischen Gesellschaft und Familie aufgewachsen. Unterdrückung gehörte zu unserem Leben. Die Erziehung meines Vaters bestand nicht in der Anerkennung, sondern in der Aberkennung meiner Leistungen. In mir wuchs dadurch der Ehrgeiz, mir und meiner Umwelt zu zeigen, dass aus mir sehr wohl etwas werden könnte. Ich wollte mich verändern, um in jeglicher Form besser zu werden. Um etwas zu leisten und um meine Ziele zu erreichen.

Dieses Gefühl begleitet mich auch in Deutschland, wo ich neue Verhaltensweisen kennenlerne und abwägen muss, was mir gefällt und was nicht. Ich beobachte, wie die Menschen miteinander umgehen.

In Deutschland gefällt mir, dass die meisten Menschen es positiv betrachten, wenn etwas kritisch gesehen wird. Ich habe gehört, dass die Kinder bereits in der Schule lernen, eine eigene Meinung zu entwickeln. Das finde ich toll. Traditionen und andere Gewohnheiten dürfen kritisiert und überdacht werden. Natürlich muss ich es auch aushalten können, selbst kritisiert zu werden. Das ist mir am Anfang in Deutschland ziemlich schwer gefallen: Kritik auszuhalten und eigene Fehler zuzugeben. Aber ich finde das gut. Ich bin stolz, dass ich Kritik mittlerweile sogar recht gut aushalte. Ich weiß, dass es mich selbst weiterbringt, wenn ich erfahre, wie andere mein Verhalten wahrnehmen. Meine deutschen Freunde nehmen diese Veränderung an mir positiv wahr.

Khaled Al Rifai (vorne) und das nid-Team im Mai 2018 in Bochum. Foto: Wolfgang Wedel

Bei meinen Landsleuten habe ich hingegen die Erfahrung gemacht, dass die meisten es nicht gut finden, wenn ich etwas kritisiere. Vor allem, wenn es unser Land, die arabische Kultur oder den Islam betrifft. Sie sagen, ich sei „deutschisiert“. Wir sind jetzt in Deutschland und jeder Einzelne von uns versucht, hier einen Platz für sich zu finden, dazu zu gehören. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich mich entscheiden muss, ob ich zur deutschen Gesellschaft dazugehören möchte und mich so verhalte, wie es hier wertgeschätzt wird – oder ob ich auf einer kleinen arabischen Insel mitten in Deutschland leben möchte. Zur Zeit bin ich irgendwo dazwischen, das gibt mir wenig Boden unter den Füßen.

Dieser Text erschien 2018 in der 11. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“.

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