Vom Wählen und vom Dazugehören

Von Khaled Al Rifai

Für Straßenschäden, falsch geparkte Autos, Ruhestörungen gibt es in Deutschland Beschwerdestellen. Für das, wovon ich berichten möchte, habe ich noch keine Beschwerdestelle gefunden.

Nach fast sieben Jahren in Deutschland habe ich viel gelernt und viel erreicht, mehr als ich je erwarten konnte. Die deutsche Sprache ist meine zweite Heimat geworden, ich habe hier tolle Freunde gefunden (die meisten sind in Deutschland geboren) und eine Ausbildung abgeschlossen, eine gute Wohnung gefunden, ich habe eine feste Arbeitsstelle und ein Auto. So gesehen unterscheidet mich nicht viel von jemandem, der in Deutschland geboren wurde. Der Weg bis hierher war oft nicht leicht, aber ich war immer fest davon überzeugt, dass es einfacher werden würde, sobald ich all das erreicht haben würde. Dass ich dann meine Ruhe haben würde und nicht mehr darüber nachdenken müsste, was mich im Alltag von den hier Geborenen unterscheidet. Aber das ist nicht so.

Trotz meiner Qualifikation und meiner sehr guten Sprachkenntnisse werde ich immer wieder darauf gestoßen, dass ich ein Ausländer bin – oder ein Geflüchteter, ein Mensch mit Migrationshintergrund, jedenfalls nicht einheimisch. Offenbar ist es immer noch so, dass die meisten Menschen, die in Deutschland Politik, Gesellschaft und Medien gestalten, hierfür kein besonderes Interesse haben. Es gibt für sie keinen Anlass dafür, diese Ungleichheiten zu verändern, den Umgang hiermit zu verbessern.

Ich möchte ein Beispiel geben. Im Februar 2021 habe ich einen Antrag auf Einbürgerung gestellt. Denn ich hatte nur eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis mit einer Nutzungsdauer bis Ende Juni 2021. Sie werden verstehen, dass diese Angelegenheit für mich von besonderer Bedeutung war. Um einen Termin für eine erste Beratung zu bekommen, musste ich eine halbe Ewigkeit warten. Verständlich, normal, aber eben auch sehr nervenaufreibend. Aus vorherigen Erfahrungen wusste ich außerdem, dass ich für diesen Termin sehr gut vorbereitet sein musste, um schlau zu handeln und meine Sache durchzubringen. Also las ich alle gesetzlichen Grundlagen sehr genau durch und prüfte mehrmals, ob ich alle benötigen Unterlagen auch wirklich vorliegen hatte, um hoffentlich gleich nach der Beratung einen Antrag stellen zu können. Es hat geklappt. Auch wenn ich dafür fast 300 Euro zahlen musste.

Nun konnte ich nur noch hoffen, dass der Antrag genehmigt würde, bevor meine Niederlassungserlaubnis auslief. Vor allem weil ich die Gebühr nicht doppelt bezahlen wollte und mir weitere Behördengänge bevorstünden.

Die Wochen vergingen und ich hörte nichts.

Beim Einbürgerungsbüro rief ich mehrmals an und fragte per Email nach, wann mit einer Antwort zu rechnen sei. Doch niemand konnte mir etwas sagen und auf die Emails bekam ich keine Reaktion.

Vielleicht kennen Sie das: Irgendwann wird man sehr müde, immer wieder nachzufragen, zumal in einer so freudlosen Sache. Inzwischen waren fünf Monate vergangen. Also beantragte ich eine Verlängerung meiner Niederlassungserlaubnis, denn ohne einen gültigen Aufenthalt kann ich hier praktisch nichts machen, vor allem nicht arbeiten.

Was aus diesem Antrag wurde? Alle meine Versuche, dies herauszufinden, liefen ins Leere. Ich war verzweifelt. Schließlich ging es um mein Leben in Deutschland, um das, was ich mir hier aufgebaut habe.

Bei meinem Bruder verlief es übrigens ganz ähnlich. Seine Aufenthaltserlaubnis lief ab, ohne dass er eine Antwort auf seinen frühzeitig gestellten Antrag erhalten hatte. Auch seine Versuche, eine vorübergehende Bescheinigung zu erhalten, blieben erfolglos. Er verlor deshalb seine Arbeit. Und ich hatte Angst, ebenfalls meine Arbeit zu verlieren. Mein Eindruck war, dass dies bei den Behörden auf kein besonderes Interesse gestoßen ist.

Also rief ich im Rathaus an und gab nicht auf, bis ich jemanden erreichte, der zwar für meine Angelegenheit nicht zuständig war, der mir aber zuhörte und mich mit der richtigen Stelle verbinden konnte. So konnte ich zumindest einen Termin buchen.

Bis zu diesem Termin musste ich mehrere Wochen mit einem abgelaufenen Aufenthaltstitel leben – und das fühlte sich so an, als dürfte ich gar nicht hier sein. Mein Arbeitgeber fragte ständig, wann ich ihm die notwendigen Unterlagen einreichen würde. Inzwischen ist das Dokument da, es hat 150 Euro gekostet.

Da ich beruflich inzwischen sehr viel unterwegs bin, musste ich jemanden bevollmächtigen, um es abzuholen. Mein Bruder bot an, dies für mich zu erledigen, er hatte inzwischen eine vorübergehende Aufenthaltserlaubnis. Doch diese reichte nicht aus, um bevollmächtigt zu werden. Glücklicherweise konnte ein deutscher Freund einspringen. Für die Sache war das gut. Aber für meinen Bruder fühlte es sich an, als sei er ohne dieses besondere Dokument nicht genauso viel wert wie alle anderen Menschen oder wie die deutschen Menschen.

Am Ende habe ich alle meine Dokumente bekommen und ich habe gelernt, dass ich nicht aufgeben darf, dass ich beharrlich sein muss, dass ich auf mein Recht pochen muss. Aber ich frage mich immer: Muss das wirklich so sein? Die Menschen in den Behörden verdienen doch gar nicht so schlecht. Warum müssen ausländische Menschen um ihre Rechte so kämpfen? Warum gibt es keine Beschwerdestelle, wo man sich melden kann, wenn das Schicksal von Menschen auf dem Spiel steht?

Im September sind Wahlen in Deutschland und die Politiker:innen kümmern sich um die Interessen der Menschen in diesem Land. Wirklich? Manchmal scheint es mir fast so, als würden sie vor allem an die Menschen denken, die solche Probleme, wie ich sie geschildert habe, gar nicht haben. An die, die einfach schon immer dazu gehört haben. Wenn Deutschland möchte, dass wir uns als Neubürger:innen ebenfalls zugehörig fühlen, muss sich an den Abläufen in den Behörden sehr dringend etwas ändern, davon bin ich fest überzeugt.

Dieser Text erschien online im September 2021 (vor den Bundestagswahlen am 26. September 2021).

Khaled Al Rifai (l.) mit seinem Bruder.

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