Syrische Supermänner

In der syrischen Gesellschaft ist relativ klar, wie die Rollen zwischen Mann und Frau verteilt sind. Wenn Männer und Frauen mit syrischen Wurzeln in Deutschland leben, ist nur eines klar: Es wird verdammt kompliziert.
(Foto: Sandra Schuck)

Von Omar Alnabulsi

In Syrien denken die Frauen, dass die Männer Supermänner sind. In der Familie ist der Mann für alles zuständig, was kaputt geht oder bezahlt werden muss. Weil es kein Kindergeld gibt, sorgt der Vater für die Ernährung der Kinder – von der Geburt bis zum Studienabschluss. Wenn die Frau nicht arbeitet, geht ein Teil des Gehaltes jeden Monat an die Frau. Außerdem bekommt die Frau Schmuck, Handys und vieles mehr. Wenn die Familie beschließt, dass am Wochenende gegrillt wird, ist völlig klar, wer den Abend damit verbringt, das Fleisch auf dem Grill zu drehen. Wenn die Familie beschließt, dass die Kinder schwimmen lernen sollen, ist das meist die Aufgabe des Mannes (wobei ich selbst das Schwimmen von meiner Oma gelernt habe).

Wir syrische Männer müssen übrigens schon vor der Hochzeit beweisen, dass wir bereit sind, bestimmte Aufgaben zu übernehmen. Wer in Syrien eine Freundin oder Verlobte hat, braucht Zeit und Geld. Denn ihr Wunsch ist ab sofort Gesetz. Wenn sie einen Ausflug machen will, suchen wir Männer ein passendes Ausflugsziel. Was sie sich im Restaurant bestellt, bezahlen wir. Wenn das Auto unserer Freundin nicht mehr anspringt oder ihr Fahrrad einen Platten hat (was zugegebenermaßen in Syrien seltener vorkommt, weil wir in der Regel mit dem Auto fahren), dann bringen wir Männer das Auto in die Werkstatt oder flicken das Loch im Fahrradschlauch..

Zum Glück müssen wir in Syrien seltener zu irgendwelchen Ämtern gehen und komplizierte Formulare ausfüllen. Aber selbstverständlich erwartet die syrische Frau, dass der Mann diese Aufgabe für sie erledigt. Was aber, wenn dieser syrische Mann in seiner Heimat alles zurückgelassen hat und seit wenigen Jahren in einem neuen Land lebt? Wenn er dort noch keine Arbeit gefunden hat und somit über wenig Geld verfügt? Wenn er die neue Sprache und dazu die Behördensprache noch nicht ganz beherrscht? Wenn in diesem neuen Land andere Verhaltensregeln gelten?

In Deutschland lernt der syrische Supermann eine deutsche Frau kennen, die arbeitet, eine eigene Wohnung hat, Reifen flickt und ihr Auto regelmäßig zum TÜV bringt. Wer bezahlt die Rechnung im Restaurant?

Eine Zeitlang halten wir syrische Supermänner uns mit Tricks über Wasser. Wir sagen zum Beispiel zu unserer deutschen Freundin: „Weißt Du, was ich heute Morgen im Radio gehört habe? Sie sagten dort, dass Du mich heute auf einen Kaffee einlädst. Stimmt das?“ Oder: „Heute Nacht habe ich geträumt, dass wir beide in einem Restaurant einen sehr schönen Abend verbrachten – und Du hast die Rechnung bezahlt. Das war toll!“

Richtig schwierig wird es, wenn ein syrischer Mann, der neu in Deutschland ist, eine Frau mit syrischen Wurzeln kennenlernt die jedoch in Deutschland geboren wurde. Diese Frau kennt unsere Traditionen. Sie liebt es, dass wir orientalische Supermänner gerne alles bezahlen. Viele von uns haben in Deutschland außerdem gelernt zu kochen, zu putzen, zu bügeln. Unsere syrischen Super-Mamas haben uns das in den ersten Monaten per Telefon und Skype beigebracht; außerdem gibt es jede Menge YouTube-Videos dazu. Wir bringen also das Auto unserer deutsch-syrischen Freundin in die Werkstatt, während sie zur Arbeit oder tanzen geht.

Ich weiß, dass die Deutschen andere Vorstellungen über die Rollen von Männern und Frauen haben. Ich weiß auch, dass es syrische Frauen und Männer gibt, die anders denken. Und natürlich habe ich in meinem Text nur über die Männer und nicht über die Aufgaben der Frauen geschrieben. Aber eines weiß ich auch: Die Sache ist kompliziert!

Dieser Text erschien 2018 in der 11. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“.

Ein Kommentar

  1. Lena Schröter

    Hi, vielen Dank für den lustigen Artikel. Wir sind auch ein deutsch – syrisches Paar (er ist Flüchtling und seit drei Jahren hier, ich bin hier geboren und schließe gerade mein Studium ab), bei uns war es anfangs auch etwas komplizierter, allerdings eher weil ich selbst Vorurteile hatte die ich dann getrost nach ein paar Monaten ablegen konnte. Meine Familie war natürlich auch erstmal eine Nuss, die geknackt werden musste. Mittlerweile sind wir über zwei Jahre glücklich zusammen und erleben den Austausch der Kulturen als sehr bereichernd. Irgendwann würde ich auch gerne mal einen Artikel darüber schreiben… 😊💚👍

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