Von Freude einfach überflutet

Von Freude einfach überflutet

Im Januar 2019 machte das nid-Team einen Ausflug nach Bottrop – auf Einladung der Flüchtlingshilfe Bottrop e.V. Die Herzlichkeit, die in diesen Ehrenamt-Kreisen herrscht, bleibt für uns außergewöhnlich und beeindruckend. In Bottrop kam noch ein Detail hinzu, welches Khaled Al Rifai zum Anlass nahm, den folgenden Text zu schreiben.

Von Khaled Al Rifai

Neujahrsempfang der Flüchtlingshilfe Bottrop e.V.

Der Begriff Wohlbefinden war mir in meinem Heimatland nicht geläufig. Er war für mich auch einfach nicht relevant. In Deutschland hat sich das schnell verändert. Das Wohlbefinden ist etwas geworden, das mich beschäftigt, wie nie zuvor.

In Deutschland anzukommen, bedeutete für mein Wohlbefinden zunächst einen massiven Abstieg. Das hatte vor allem mit meinem Flüchtling-Sein zu tun. Als Flüchtling erfuhr ich wenig Interesse, Zuwendung und Wertschätzung. Das sind alles keine fassbaren Dinge, aber sie sind überlebenswichtig. Irgendwann habe ich gute Freunde in Deutschland gefunden, die mir all das schenken und an den meisten Tagen fühle ich mich sehr wohl in diesem Land, das mir viele neue Freiheiten gibt.

Schlechter steht es um mein Wohlbefinden immer dann, wenn ich die politischen und gesellschaftlichen Kursänderungen mitbekomme. Als Flüchtling kann man davon über die Medien erfahren, aber auch durch Blicke und andere Begegnungen auf der Straße. Glauben Sie bitte nicht, dass Begriffe wie „Asyltourismus“ oder „Anti-Abschiebe-Industrie“ an uns einfach so vorbeigehen.

Khaled Al Rifai im Gespräch mit einem Mitglied der Flüchtlingshilfe Bottrop e.V.

Als ich hörte, dass Menschen hier auf öffentlichen Plätzen mit lachenden Gesichtern„Absaufen! Absaufen!“ brüllen und damit die Flüchtlinge im Mittelmeer meinen, habe ich sehr in Frage gestellt, ob ich in diesem Land weiter leben möchte.

Zum Glück weiß ich, dass diese Einstellung von sehr vielen Menschen in Deutschland nicht geteilt wird. Im Gegenteil, dass viele Deutsche diese Einstellung sogar selbst als belastend empfinden. So gibt es für mich etwas, das ein viel stärkeres Gewicht hat als diese hässlichen Rufe: Es sind die vielen Menschen, die sich neben ihrer Arbeit engagieren. Sie machen mir – und bestimmt vielen anderen – das Leben in Deutschland möglich, und bunt. Diese Menschen haben mir hier in Deutschland ein ganz außergewöhnliches Wohlbefinden beschert. Ihre Worte und Erzählungen strahlen Interesse, Zuwendung und Wertschätzung aus.

Und vor diesem Hintergrund möchte ich erzählen, was ich am 27. Januar 2019 erlebt habe. Unser Zeitungsteam „nid“ war von Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit in Bottrop eingeladen worden, einen Tag gemeinsam zu verbringen und am Abend anlässlich ihres Neujahrsempfangs eine Lesung zu veranstalten.

Das nid-Team zusammen mit der Flüchltingshilfe Bottrop e.V. Foto: Ximena León

Die Menschen, die wir getroffen haben, waren alle sehr herzlich. Was mich außerdem beeindruckt hat: Sie schauen nach vorn, und zwar sehr konkret. Für das Jahr 2019 haben sie sich ein Schwerpunktthema gesetzt: Bildung und Arbeit. Sie wollen Geflüchteten helfen, in Arbeit zu kommen und Ausbildungen zu finden. Das war sehr beeindruckend.

Dann kam der Moment, in dem mich die Freude einfach überflutet hat. Der Abend war beendet und wir wurden von einem Mann in seinem privaten Bus zum Bahnhof gebracht. Ein Bus für eine neunköpfige Familie. Seine eigenen Kinder seien zwar schon groß, erzählte er. Aber er betreue eine geflüchtete Familie mit fünf Kindern. Die müssten nun mal zur Kita, zur Schule und sonst wohin gefahren werden. Deshalb habe er den Bus.

Von der Kraft, die für mich in diesen Worten liegt, einem Wohlbefinden, das für mich daraus folgte, werde ich noch lange profitieren.

Das nid-Team nach der Lesung beim Neujahrsempfang der Flüchtligshilfe Bottrop e.V. Foto: Ximena León

Khaled Al Rifai verfasste diesen Text  spontan nach dem oben genannten Ausflug zu Freunden in Bottrop im Januar 2019 – in freudiger Verbundenheit.

2 Kommentare

  1. Horst aus Bielefeld

    Danke Herr Al Rifai für diese Worte und den Blick in ihre Empfindungen. Das sind wertvolle schöne Erfahrungen, die man nicht vergisst. Danke, dass sie mich daran teilhaben lassen.
    Andererseits bin ich sehr sehr traurig über meine Mitbürger, die keinen Mut haben, geflüchteten Menschen freundlich und offen und angstfrei zu begegnen. Sie haben ein enges Herz und versäumen sehr viel. Vielleicht können WIR was ändern?!

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