Wie es mir gefällt

Wie es mir gefällt

Hier wie dort wird Frauen etwas von einem weißen Pferd erzählt, auf dem ein Prinz sitzen wird. Von diesem Prinzen geheiratet zu werden, bedeute ewiges Glück. Wer dies für ein Märchen hält, nehme das Glück lieber selbst in die Hand! Heute noch!

Von Lamia Hassow

Eine stylishe Frisur, reisen, ausgehen, auf Partys laut lachen und sorgenfrei tanzen, romantischere Geschenke als Blumen bekommen, Spitzenunterwäsche tragen – diese Dinge hat die unverheiratete Frau aus meiner Kultur aufzuschieben, bis eines Tages, hoffentlich, Mr. Right auftaucht.

Für die schönen und aufregenden Dinge ist die Frau zu schwach – oder die Tradition ist zu stark. Vor allem die Aktivitäten, die viele fremde Menschen einschließen, müssen aufgeschoben werden. Ich habe so viele Frauen gesehen, die ihr Leben auf Pause setzen und warten: auf den Mann, der auf dem weißen Pferd herbei geritten kommt.

Mir stand ein ähnliches Schicksal bevor. Aber weit und breit konnte ich keine Pferde entdecken, vor allem keine weißen. Ein Esel hätte es auch getan, aber auch die sind schwer zu finden.

Als junges Mädchen dachte ich, es sei etwas Schönes, auf diesen besonderen Menschen zu warten. Aber warum soll mein Leben bis dahin trist sein? Das Leben ist zu kurz, um darauf zu warten, dass einfache, machbare Dinge wahr werden.

Einfach ist es zum Beispiel, meine Haarfarbe zu verändern. Aber jedes Mal wenn ich meine Haare blond färbe, werde ich von verschiedenen Personen gefragt, ob ich mich verlobt hätte. Weil viele Frauen zu ihrer Verlobung auf einmal blonde Haare tragen. Es ist eine Art Erkennungszeichen dafür, dass ein Mädchen bald heiraten wird. (Warum eigentlich?)

Von den Männern, die auf Pferden durch die Welt reiten, hat mir noch keiner so gut gefallen, dass ich ihm beim Absteigen geholfen und ihn in die Arme geschlossen hätte. Ich bin also für mich selbst verantwortlich. Manchmal schenke ich mir Blumen, oder ich kaufe für eine Freundin Blumen. Die meisten reagieren erst überrascht. Aber inzwischen ist es normal. Warum sollen wir uns untereinander keine Freude machen? Zum Valentinstag habe ich meinen unverheirateten, unverlobten Freundinnen etwas geschenkt. Warum sollen wir traurig sein, weil gerade kein Mann auf die Idee kommt, uns eine Freude zu machen?

Zu meinem Geburtstag am 3. November habe ich mir in einer schönen Parfümerie in Bochum ein Parfüm gekauft. Der Verkäuferin erzählte ich, dass ich ein Parfüm für eine schöne, junge Frau kaufen wolle. Sie präsentierte mir drei verschiedene Düfte. Ich war nicht ganz überzeugt und sagte: „Nein, das ist zu süß!“ Die Verkäuferin reagierte leicht empört und sagte: „Aber Sie werden das ja gar nicht tragen! Ihrer Freundin soll es doch gefallen.“ Als wüsste sie besser als ich, was schönen, jungen Frauen gefällt. „Sie haben Recht“, sagte ich, „Sie wird es tragen, aber ich muss sie dann ja riechen.“

Lamia Hassow bei einer nid-Lesung in Dortmund 2019.

Das ratlose Gesicht der Verkäuferin sah so lustig aus, dass ich große Mühe hatte, mein Lachen zu unterdrücken. Sie hielt mich wahrscheinlich für sehr merkwürdig. Vielleicht dachte sie auch, ich sei lesbisch. Das wäre wiederum alles andere als komisch. Lesbisch zu sein ist in meiner Kultur noch schlimmer als unverheiratet zu sein.

Sie konnte nicht wissen, dass ich nur beschlossen hatte, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Das ist kein Zuckerschlecken, aber dafür lerne ich die Welt kennen, tanze sorgenfrei und färbe meine Haare, wie es mir gefällt.

Dieser Text erschien 2019 in der 15. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“.

Kontakt Lamia Hassow: hassow-l@hotmail.com

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