Zu 100 Prozent verlobt

Zu 100 Prozent verlobt

Von Nour Al Zoubi

Eine syrische Verlobung wird mit einem großen Fest gefeiert. Wobei die Frauen und Männer aus meiner Region traditionell getrennt feiern, an unterschiedlichen Tagen. Zu meiner Verlobungsfeier im April 2018 kamen etwa 50 Frauen. Wenn wir Frauen unter uns sind, legen wir unsere Kopftücher ab und tragen die schönsten Kleider. Wir hören laute Musik und tanzen wie in einer Diskothek. Meistens mieten wir dafür einen Saal. Meine zwei deutschen Freundinnen, die ich eingeladen hatte, staunten, als sie auf meinem Fest waren. Sie kennen viele der Frauen, die ich eingeladen hatte; aber auf der Feier erkannten sie einige erst auf den zweiten Blick. Weil sie uns normalerweise mit Kopftuch und langer Kleidung begegnen. Ich selbst trage als Braut ein langes Kleid und offene Haare. Meine kleine Schwester sagt mir mit einem Blick, wann Ahmad da ist.

Der Bräutigam kommt etwa eine Stunde vor dem Ende der Feier in den Raum. Die Frauen, die normalerweise ein Kopftuch tragen, bedecken auf ein Zeichen hin ihre Köpfe, Arme und Beine. Ahmad kommt herein, in einem schicken Anzug, wir begrüßen ihn alle und ich tanze mit ihm einen langsamen arabischen Tanz. Meine Freundinnen stehen in einem Kreis um uns herum und rufen uns Glückwünsche zu. Dann beginnen auch sie zu tanzen. Mit Ahmad kommt auch mein Vater zur Feier, er tanzt mit meiner Mutter. Es gibt eine große Torte, die das Verlobungspaar gemeinsam anschneidet und an alle Gäste verteilt. Aber vorher werden die Ringe angesteckt, wie bei einer deutschen Hochzeit.

Nour Al Zoubi mit ihrem Verlobten Ahmad, Foto: Hiba Hasan

Ahmad kenne ich seit drei Jahren. Wir saßen damals zusammen in einem Deutschkurs in Gera. Meiner Mutter, die im Kurs immer neben mir saß, gefiel Ahmad übrigens sofort. Und zum Glück wurden wir facebook-Freunde, denn mit meiner Familie zog ich bald darauf nach Bochum.

Über facebook bekam ich mit, dass Ahmad angefangen hatte, beim Jobcenter zu arbeiten, und dass es ihm gelungen war, seine Familie nach Deutschland zu holen. Das gefiel mit gut. In Deutschland sehe ich viele Menschen aus Syrien, die ein bequemes Leben führen wollen. Viele Menschen sind müde. Sie haben ihre Gründe. Mein eigenes Leben möchte ich aber mit Energie füllen und etwas erreichen.

Als ich vor wenigen Monaten von Ahmad über facebook eine Nachricht bekam, freute ich mich sehr! Seit 2016 hatten wir nicht miteinander gesprochen. Ich weiß nicht, wie es in Deutschland üblich ist, aber Ahmad erkundigte sich höflich, ob ich „schon vergeben“ sei. Erst dann kündigte er an, dass er bald in unsere Gegend käme. Er wolle Nordrhein-Westfalen kennen lernen – sagte er! Natürlich bin ich vor Aufregung gestorben, als ich ihn traf. Ich zeigte ihm Düsseldorf – vermied es aber, mit ihm durch Bochum zu laufen. Denn so bin ich aufgewachsen, dass ein Mädchen nicht allein mit einem fremden Jungen durch die Stadt läuft. Meine Mutter lachte, als ich ihr alles erzählte. „Du bist eine Katastrophe, Nour!“, rief sie. Aber sie lachte, weil sie Ahmad kannte. Ahmads Eltern telefonierten mit meinen Eltern, wie es unsere Tradition ist und hielten für Ahmad um meine Hand an. Mein Vater antwortete: „Das machen wir nicht telefonisch, Ihr seid herzlich eingeladen, zu uns zu kommen!“

Nour Al Zoubi, Foto: Sami Omar

Das Treffen lief glücklicherweise gut, beide Familien verliebten sich ineinander. Wir sprachen gemeinsam die 1. Sure des Koran (Al fateha) und damit waren Ahmad und ich zu 90 Prozent verlobt. Kurz darauf fand unsere islamische Hochzeit mit einem Imam statt (an diesem Tag waren insgesamt 23 Männer in unserer kleinen Bochumer Wohnung; das Brautpaar braucht jeweils zwei männliche Zeugen und dazu kommen die engsten Verwandten). Somit waren wir zu 100 Prozent verlobt – und konnten feiern.

Ein paar Tage nach unserer Feier fuhr Ahmad zurück nach Gera, ich wohne weiterhin in Bochum. Durch unsere Verlobung haben wir die Möglichkeit, uns gegenseitig zu besuchen, uns kennenzulernen. Ich hoffe, dass wir in einem Jahr beide entschlossen sind, zu heiraten.

Dieser Text erschien 2018 in der 11. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“.

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