Liebes Jobcenter, ich habe einen Traum

Ich bin Wael Alkadrw, der Mann mit der Kundennummer 632. Ich schreibe Dir, weil ich weiß, dass Dir Papier wichtig ist und ich hoffe, dass Du dieses Dokument aufmerksam liest. Ich möchte etwas über die Entscheidungen schreiben, die Du über mich triffst.

Wael Alkadrw Foto: Wolfgang Wedel

Der Krieg in Syrien hat über mich entschieden, dass ich meine Heimat verlassen musste. Ich habe nie davon geträumt, ein Flüchtling in Deinem Land zu sein. An der Universität von Damaskus habe ich von einer Karriere als Chemiker geträumt. Eine Zeitlang sah alles gut aus. Meine Eltern waren stolz auf mich und ich freute mich auf die Zukunft, die mir bevorstand.

Im Krieg konnte ich über ein Stipendium an eine Universität in Spanien gehen. Ich dachte immer: Wenn das Stipendium ausläuft, kann ich zurückkehren, in ein Land in Frieden. Stattdessen musste ich einen neuen Ort finden, der mir Asyl gewährt. So kam ich nach Deutschland.

Jetzt bin ich also hier. Das haben wir uns beide nicht so vorgestellt. Aber zum Glück haben wir eines gemeinsam: Wir beide wollen Arbeit für mich finden!

Du ahnst nicht, wie sehr ich meine Träume und Ziele aus meiner Heimat vermisse! Sie bekommen hier einfach keine Aufenthaltsgenehmigung…

Zum Glück gehöre ich nicht zu den Menschen, die leicht aufgeben. Ich möchte so gerne etwas Gutes tun für dieses Land, Deutschland, das mir den Frieden und die Sicherheit gegeben hat. Ich möchte eine aktive Person in dieser Gesellschaft sein!

Bei der Arbeit in Spanien: Wael Alkadrw

Weil Du, liebes Jobcenter, es so entschieden hast, besuche ich derzeit eine Maßnahme, um den Beruf des Malers zu erlernen. „Man kann jede Arbeit lernen!“, sagte einer Deiner Mitarbeiter (etwas unfreundlich) zu mir. „Von UNS bekommen Sie Ihr Geld! Deshalb treffen WIR die Entscheidungen!“ Ja, das ist richtig.

Für die Unterstützung des Jobcenters, die mir mein Leben sichert, bin ich jeden Tag dankbar. Und obwohl es mir überhaupt keinen Spaß macht, lerne ich nun das Malern. Ich kenne nun die deutschen Begriffe für alle Werkzeuge, die man braucht, um eine Wohnung anzustreichen. Ich kenne die Farben und kann alles weiß oder bunt malen. Aber gleichzeitig übermale ich damit auch meine Träume.

In Spanien habe ich einen Master in Bio- und Chemieingenieurwesen gemacht, in Syrien habe ich als Assistenzprofessor an der Universität gearbeitet. Noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, auch hier in meinem Beruf arbeiten zu können. Chemische Prozesse laufen in Deutschland nicht anders, als in meiner Heimat.

Bitte, liebes Jobcenter, schau mir ins Gesicht und betrachte mich als einen Menschen, dessen Träume gerade dabei sind zu platzen. Ich bin keine Nummer. Sei bitte nicht so kalt wie das deutsche Wetter.

Mit freundlichem Gruß

Dein Wael
Bochum, im Dezember 2017

Dieser Text erschien 2018 in der 10. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“ >>nid#10_2018_web

10 Kommentare

  1. Angelika

    Lieber Wael,
    erste einmal danke für deine Worte. Nein, man muss nicht alles tun, was das Jobcenter will.
    Du hat dein Studium in Spanien abgeschlossen, – einem europäischen Land. Ergo gehe ich davon aus, das dieser in Deutschland anerkannt ist/wird. Such dir doch eine Arbeit in deinem Beruf. Ich weiß nicht, in welchem Gebiet von Deutschland du lebst und ob du Residenzpflicht hast, – ansonsten werden sicher Menschen wie du und mit deiner Ausbildung gesucht. Es gibt viele Internetplattformen, die freie Stellen aufzeigen und ich denke, – auch das Jobcenter sollte sich bemühen und dir bei der Suche nach einer adäquaten Arbeit behilflich sein. Ich wohne im Südschwarzwald, nahe der Schweizer Grenze und in der Schweiz gäbe es sicher Arbeit für dich. Viele Deutsche arbeiten dort als Grenzgänger. Ich weiß leider nicht, welchen Aufenthaltsstatus du hast und ob das überhaupt möglich wäre. Die Sachbearbeiterin vom Jobcenter tut vielleicht wirklich ihr Bestes, aber die Begründung „man kann jede Arbeit lernen“ ist dürftig und auch arrogant dir gegenüber. Gibt es bei euch einen Helferkreis? Ich würde mich mit deinem Anliegen an sie wenden. Diese Menschen wissen, was machbar und möglich ist und werden sich dafür einsetzen, dass du deine Träume verwirklichen kannst. In der Hoffnung, dass nicht schon zuviel Farbe drauf ist, grüße ich dich ganz herzlich

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    1. Wael Alkadrw

      Liebe Frau Richow,
      danke für Ihre ermutigenden Worte. Ich schätze Ihre Hilfe!
      Wir müssen unsere Träume weiter, trotz aller Hindernisse.
      Mit freundlichen Grüßen
      Wael Alkadrw

      Antworten
  2. Gerhard Ruffert

    Hallo Herr Alkadrw,
    mit Ihren Qualifikationen müssten Sie eigentlich eine Stelle in Ihrem Beruf bekommen. Es wäre ausgesprochen schade, wenn das nicht klappen würde. Haben Sie es schon mal mit Initiativ-Bewerbungen versucht? Die meisten Firmen bieten über ihre Homepage ihre offenen Stellen an. Haben Sie jemanden in Ihrer Umgebung, der Sie dabei unterstützen kann? Aus der Ferne ist es schwierig, zu helfen.
    Beste Grüße

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    1. Wael Alkadrw

      Guten Abend Herr Gerhard Ruffert,
      Ich bedanke mich für Ihre Nachricht, die mir neue Motivation gibt, eine Stelle zu finden. Ich habe schon die theorische Qualifaktionen im Ausland erworben und brauche nur praktische Erfahrungen. Der Anfang ist für mich als Berufseinsteiger schwierig, aber am Ende sollte ich eine Stelle haben.
      Ich habe Menschen, die mich hier unterstützen (vielen Dank für Ihre Nachfrage), aber bislang waren wir noch nicht erfolgreich.
      Über Tipps und Hinweise – aus ganz Deutschland – freue ich mich.

      L.G. Wael

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  3. Gerhard Ruffert

    Hallo,
    es ist schwierig aus der Ferne konkrete Tipps zu geben. Aber ich würde allgemein empfehlen, die Homepages einschlägiger Chemie- und Biotech-Firmen (BASF, Bayer, Evonik, Lanxess, Covestro, Clariant etc.) abzusuchen. Zumindest die größeren haben hier die Ausschreibungen ihrer Stellen veröffentlicht und bieten auch die Möglichkeit der online-Bewerbung. Man muss schauen, ob die Angebote zum eigenen Profil passen.
    Ein weiterer Ansatzpunkt: Mitgliedschaft in der DECHEMA (Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie). Meines Wissens könnten sich über diese Gesellschaft ebenfalls Chancen ergeben.
    Ich habe gerade im Internet gesehen, dass vom 11.-15.6.2018 die ACHEMA (eine Veranstaltung der DECHEMA) in Frankfurt stattfindet, die größte Chemiemesse der Welt. Eigentlich müssten Sie sich dort umschauen, ich erinnere mich, dass es dort auch immer eine Job-Messe gab. Mit der Idee komme ich aber vielleicht ein bisschen spät.
    Voraussetzung für all diese Bemühungen ist allerdings ein gesicherter Aufenthaltsstatus, ich kann aus den Chats nicht sehen, ob das gegeben ist.

    Viel Erfolg und herzliche Grüße
    Gerhard Ruffert

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