Kein Tag ohne Musik

Kein Tag ohne Musik

Seit der Schulzeit ist Musik für Rawend Ali eine treue Begleiterin, die ihn auch in Deutschland nicht alleine lässt.

Von Rawend Ali

An einem heißen Tag saß ich mit einem guten Kumpel auf dem Pausenhof unserer Schule im Schatten einer Wand. Die Sonne war so stark, dass wir Schutz vor ihr suchen mussten. Das neue Schuljahr hatte gerade begonnen und wir waren in der siebten Klasse.

Wie meistens, unterhielten wir uns über Musik. Wir waren beide begeistert von Musik, aber wir waren bis dahin nie auf die Idee gekommen, dass wir selbst Musik machen und damit auf die Bühne gehen könnten. Dazu fehlte uns der Mut.

Doch an jenem Tag taten wir einen kleinen Schritt nach vorne: Wir beschlossen, uns musikalisch zu verbessern. Eine Woche später gründeten wir zu fünft eine Musikgruppe. Anfangs hatten wir nur zwei Instrumente, aber wir sparten unser Taschengeld und drei Monate später konnten wir uns zwei gebrauchte Musikinstrumente kaufen. So habe ich angefangen, Saz zu spielen.

Am Anfang hatte ich große Zweifel daran, dass ich jemals das Saz-Spielen lernen würde. Ich beobachtete daher meinen Vater und meine Onkels sehr genau und sah, wie ihre Finger auf den Saiten tanzen. Einige Monate später hatten wir bereits den Eindruck, dass wir uns schon verbessert hatten. Drei von uns lernten noch zwei weitere Musikinstrumente, die anderen beiden sangen.

Die Musik wurde zu einem festen Teil in unserem Leben. Als wir in die 9. Klasse kamen, mussten wir allerdings ein Jahr lang pausieren, weil wir sehr viel für die Schule lernen mussten. So nahmen wir uns fest vor, nach Ende des Schuljahres weiterzumachen. Keiner von uns hat damals jedoch geahnt, dass wir alle aus unserem Land fliehen würden. Zwei Mitglieder unserer Musikgruppe waren schon fort, bevor das neunte Schuljahr zu Ende ging. Ein Jahr später musste auch ich mich auf den Weg machen. Heute leben wir in vier verschiedenen Ländern.

In Deutschland habe ich mich weiter mit der Musik beschäftigt, ich spiele weiter Saz und versuche immer, mich zu verbessern. Ich habe neue Freunde gefunden, mit denen ich Musik mache, und ich singe im Chor.

Die Entscheidung, die wir damals auf dem Schulhof getroffen haben, war eigentlich nur eine kleine Sache, aber sie hat mein Leben komplett verändert. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, wie es wäre, mehrere Tage hintereinander keine Musik zu machen.

Rawend Ali

Dieser Text erschien 2019 in der 15. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“. 

Rawend Ali (19) kam 2015 aus Derik, im kurdischen Teil Syriens, nach Deutschland; er lebt in Haltern am See. In Deutschland machte Rawend den Realschulabschluss und absolvierte 2019 sein Abitur.

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