Ich wurde geschlagen

Von Abdulrahman Salah

Die Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, ist wie eine Pyramide aufgebaut. Oben sitzt die Macht, oben hat man Möglichkeiten. Der Druck wird nach unten abgeleitet. Wer auf mittlerer Höhe steht, wird Täter und Opfer zugleich. Und jetzt raten Sie mal, wer ganz unten in der Pyramide steht. Natürlich: die Kinder.

An meine Kindheit kann ich mich sehr gut erinnern. An viele Male, die ich geschlagen wurde. Ich wurde von denen geschlagen, die in der Pyramide eine Stufe über mir standen. Es war egal, ob ich etwas getan hatte, ob ich schuldig war. Viele wurden, wie ich, in der Schule von ihren Lehrerinnen oder Lehrern geschlagen. Ich strengte mich an, meinen Lehrern keinen Grund dafür zu geben, mich zu schlagen. Ich achtete darauf, dass meine Hausaufgaben ordentlich und richtig geschrieben waren, meine Kleidung war sauber, meine Haare waren gepflegt. Aber ich lernte, dass es egal war, ob es einen Grund gab oder nicht. Meine Lehrerin sagte einmal zu mir: „Deine Augen erzählen mir, dass Du gestern nicht zeitig ins Bett gegangen bist.“ Das reichte für eine Strafe. Wie kreativ sie war!

Im Februar 2018 machte Abdulrahman Salah ein Praktikum bei WDRforyou und stand prompt vor der Kamera: Hier mit WDRforyou-Leiterin Isabel Schayani.

Ich möchte einmal Präsident werden!

Ein paar Jahre später wurden wir in der Schule gefragt, was wir später einmal werden wollten. Meine Schulkameraden antworteten: „Ich möchte Arzt werden! „Autor!“ „Lehrer (wie Sie!)!“ Ich aber sagte stolz und sicher: „Ich möchte einmal Präsident werden!“ Klatsch! Für diese Antwort wurde ich besonders hart und überraschend geschlagen. Ich konnte das überhaupt nicht verstehen. Warum nur? Inzwischen weiß ich es. Unter meiner Präsidentschaft würden die Schulen in diesem Format mit Sicherheit abgeschafft.

Wer in der Schule geschlagen wurde, bekam auch auf der Straße mehr Schläge ab. Das ging dann so: Einer rief laut „Attacke!“, dann kamen 15 bis 20 Kumpels von ihm angerannt und verprügelten mich. Ich war damals schon stark, aber gegen so viele hat man keine Chance – und etwas anderes stand mir noch viel mehr im Weg: Ich mochte das Schlagen nicht, auch nicht das Zurückschlagen.

Wem sollte ich von meinem Problem erzählen? Der Schulleiter ist bestimmt der Richtige, dachte ich und wartete draußen vor seiner Tür auf ihn. Als er herauskam und mich dort stehen sah, sagte er: „Was machst du denn hier? Warum bist du nicht in deiner Klasse?“ Bevor ich etwas sagen konnte, schlug er mir ins Gesicht.

Verletzt kam ich nach Hause, mit einer blutenden Nase, meine Schuluniform war zerrissen. Meine Mutter sagte zu mir: „Du bist dumm! Wenn dich jemand schlägt – schlag sofort zurück! Verstanden?“ Ich war nicht ganz überzeugt von dem, was sie sagte. Aber offenbar war das die einzige Lösung.

Mit dem Stück „Being Peer Gynt“ des Theater-Ensembles Familie Rangarang (C.t.201 Freies Theater Köln) wurde Abdulrahman Salah für den Bundeswettbewerb Berliner Festpiele nominiert.

Das nächste Mal, als hinter mir jemand „Attacke!“ rief, habe ich zurückgeschlagen. Ich habe den Angreifer verprügelt. Seine Brille ging zu Bruch. Seine Bücher und Hefte warf ich in den Müll. Und so machte ich es mit jedem Einzelnen, der mich vorher geschlagen hatte. Ich verprügelte jeden Einzelnen. Es funktionierte. Als glücklicher Sieger ging ich nach Hause zu meiner Mutter und sagte: „Niemand kann mich jetzt mehr schlagen.“

Ein paar Jahre später – ich war noch größer und stärker geworden – stand mein Lehrer vor mir, kam näher auf mich zu und erhob die Hand. Irgendetwas hatte ich falsch gemacht. Ich stand gerade – und sagte: „Wenn Sie das wagen, mache ich Sie platt!“ Er ließ mich sofort in Ruhe und suchte sich einen anderen aus.

Natürlich passiert so etwas nicht an allen Schulen. Aber wieso passiert so etwas überhaupt? Wie können wir diese Pyramide abbauen? Wie? Und wie viel Zeit brauchen wir dafür? Ich möchte auf keinen Fall, dass mein Sohn die gleichen Erfahrungen machen muss wie ich.

Titelfoto:  Sandra Schuck | Abdulrahman Salah bei der nid-Lesung im WDR-Funkhaus in Köln im November 2017.

Dieser Text erschien 2018 in der 10. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“ >>nid#10_2018_web

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