Neu an der Uni

Neu an der Uni

Zusammen mit rund 5500 Studierenden nahm Mahmoud Aldalati im Oktober 2018 ein Studium an der Uni Bochum auf. Vieles ist für alle gleich – und manches ist anders, wenn man zugleich neu in Deutschland ist.

Von Mahmoud Aldalati

Zur Begrüßung wurden am Anfang des Semesters alle neuen Studierenden ins Audimax eingeladen, ein sehr schönes Gebäude. Als ich ankam, war der Raum allerdings schon voll und ich habe die Begrüßung zusammen mit vielen anderen auf einer Leinwand in einem anderen Raum verfolgt. Die Akustik war allerdings nicht sehr gut, ich konnte nicht alles verstehen. Das hat mich zuerst gar nicht gestört. Aber was mich doch ein bisschen gestört hat: Die Studierenden um mich herum haben manchmal gelacht – offenbar wurde etwas Lustiges gesagt. Und ich konnte nicht verstehen, was.

Lustig fand ich aber, dass die Kamera immer wieder auf den Fußboden geschwenkt ist. Ob sie Werbung für den Laminat-Boden machen wollten?

Verschiedene Leute kamen auf die Bühne, um uns zu begrüßen. Die beiden, die die Veranstaltung moderiert haben, waren so froh, uns zu sehen, dass sie ein Selfie von sich mit Tausenden im Hintergrund gemacht haben.

Danach sollten wir alle zu unseren jeweiligen Fachschaften gehen und der Campus erinnerte mich plötzlich an einen großen Markt in Damaskus für Gemüse, Fleisch und andere Köstlichkeiten. Unter den tausenden Studierenden standen Leute von den Fachschaften, die Schilder hochhielten und ähnlich laut wie Marktschreier riefen: Biochemie! Wirtschaft! Medizin!

Da ich für Wirtschaftspsychologie eingeschrieben bin, ging ich zu der Gruppe, die „Psychologie“ rief. Wir wurden in mehrere kleine Gruppen geteilt, gingen in einen anderen Raum und wieder wurde uns viel erklärt. Wieder hatte ich das Gefühl, der Einzige zu sein, der nichts versteht. Aber als ich jemanden neben mir fragte, welcher Vortrag gerade angekündigt worden sei, war die Antwort: „Keine Ahnung.“ Da war ich auch ein bisschen froh.

Zum Kennenlernen machten wir ein Speed-Dating: Zwei Personen setzen sich einander gegenüber, unterhalten sich, und nach 30 Sekunden wechseln die Gesprächspartner*innen. In meinen Speed-Gesprächen sagten alle zu mir: „Du sprichst aber gut Deutsch.“ In der Vorstellungsrunde hatte ich dummerweise gesagt, dass ich aus Syrien komme.

Irgendwann habe ich zu jemandem gesagt: „Aber wir haben doch noch gar nicht gesprochen!? Wieso sagst Du, dass ich gut Deutsch spreche?“ – „Trotzdem. Das merkt man direkt.“ Am zweiten Tag machte unsere Gruppe ein gemeinsames Frühstück, jeder sollte etwas mitbringen. Als ich mich umsah, stellte ich fest, dass fast alle Brötchen und Käse oder etwas anderes Kleines dabei hatten. Nur ich hatte Hummus und Auberginen in Joghurtsoße dabei. Außerdem frisches Gemüse und natürlich Fladenbrot. Typisch syrisch. Das war etwas peinlich.

Mahmoud Aldalati bei einer nid-Lesung an der FH Dortmund im Oktober 2018. Foto: AStA FH Dortmund

An den nächsten Tagen konnte ich merken, dass meine Tutoren immer wieder versuchten, mit mir zu sprechen. Sie fragten mehrmals, ob alles in Ordnung sei. Alle waren nett und freundlich. Trotzdem fühlte ich mich ausgeschlossen und nach den Vorlesungen hatte ich jedes Mal Kopfschmerzen. Wenn ich nach Hause kam, war ich froh, kein Deutsch mehr zu hören. Langsam wird es besser, aber der Kopf tut immer noch weh. In den Pausen gehe ich nicht mehr allein in die Mensa. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir allerdings wünschen, dass wir in den Seminaren und Vorlesungen nicht mit so vielen englischen Texten arbeiten. Eine Fremdsprache hätte mir gereicht.

Dieser Text erschien 2018 in der 12. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“.

Kontakt Mahmoud Aldalati: aldalaty93@gmail.com

Ein Kommentar

  1. Frederika

    Lieber Mahmoud, bleib stark und sei nicht eingeschüchtert werden. Du wirst das schaffen!
    Und: Was deine Kommilitonen tun, gehört teilweise dem Alltagsrassismus. Sie meinen vielleicht gut, ist das leider nicht immer angenehme. „Du sprichst aber gut Deutsch!“ habe ich als Rheinländerin mit taiwanesischer Wurzel schon so oft gehört und ärgere mich mittlerweile auch nicht mehr so sehr darüber;)
    Keep going!

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