Neues Land, neue Musik

Neues Land, neue Musik

Es gibt viele Wege, eine neue Sprache zu lernen. Einige empfehlen Deutschlernenden, regelmäßig die Nachrichten zu hören oder Seifenopern im Fernsehen anzuschauen. Andere setzen auf Musik.

Von Ammar Sommak

Als ich anfing, die deutsche Sprache zu lernen, erzählte mir jemand, es sei hilfreich, deutsche Musik zu hören. Weil die Liedtexte meist alltägliche Wörter enthalten. Die Worte fließen ineinander und sind einfacher, im Kopf zu behalten. Also schaltete ich das Radio an, wählte einen deutschen Sender, wechselte auch zu anderen deutschen Sendern und hörte zu. Nach einiger Zeit fiel mir ein Lied auf, das regelmäßig gespielt wurde, auf fast allen Sendern.

Ich beschloss daraufhin, dieses spezielle Lied herunterzuladen und spielte es mehrmals am Tag ab. Immer wieder. Diese Art von Musik war ich bis dahin nicht gewohnt, aber das ist ja ganz normal, denn jede Kultur hat ihre eigene Musik.

Der Rhythmus des Liedes war ziemlich schnell, ich konnte kaum den Unterschied zwischen Wörtern und Klängen heraushören. In meinem Land sind die Rhythmen langsamer, so wie das Leben in meiner Heimat langsamer zu laufen schien. Es stimmt zwar, dass auch bei uns die Lieder in den letzten zwanzig oder dreißig Jahren kürzer und schneller geworden sind, aber ich gehöre zur alten Schule. Zu einer Generation, die einen langsamen Rhythmus mit immer wiederkehrenden langen Texten gewohnt ist.

Mit dieser neuen Musik, die ich in Deutschland hörte, fühlte ich mich wie ein Pentium 1 Rechner, der allerdings mit der neusten Software arbeitet: Während ich noch versuchte, das erste Wort zu verstehen, war schon ein ganzer Abschnitt vorbei.

Um den Text des Liedes besser und klarer zu verstehen, setzte ich mir Kopfhörer auf und erhöhte die Lautstärke. Sofort gab mein Handy eine Warnung aus: „Lautes Hören über längere Zeit schädigt das Ohr.“ Ich glaube allerdings, mit solcher Musik braucht man gar nicht „längere Zeit“, um das Ohr zu schädigen. Das passiert viel schneller. Der Bass ist sehr laut, im Hintergrund hört man Geschrei. Ich weiß nicht, warum der Sänger schreit und in welchem Verhältnis das Geschrei zur Musik steht. In meiner Welt schreit man, wenn etwas Schlimmes passiert ist. Für mich war es das erste Mal, jemanden in einem Lied schreien zu hören.

Unklar blieb für mich auch, welches Thema das Lied hatte… handelte es von Liebe? In meinem Heimatland geht es in der Musik fast immer um die Liebe. Vielleicht deshalb, weil Liebesbeziehungen heimlich geführt werden, mit großer Sehnsucht und Verlangen.

Heute, in den Zeiten des Krieges, sind die Stimmen der Waffen und des Unfriedens sehr laut geworden. Die Stimme der Liebe ist sanft, leise, schüchtern. Sie versteckt sich hinter den Gardinen.

Das Lied aus meinem deutschen Radio machte nicht den Anschein, dass es darin um die Liebe ging. Vielleicht um den Straßenverkehr? Oder um Luftverschmutzung? Ganz sicher jedoch nicht um Liebe.

Am Anfang hatte ich noch kein Interesse, die einzelnen Wörter tatsächlich zu verstehen. Es ging mir eher darum, die Wörter in meinem Kopf zu behalten. Mit der Zeit würde ich all diese Wörter in meinem Deutschkurs lernen und verstehen.

Drei Monate später waren alle Wörter aus dem Lied in meinem Kopf gespeichert. Erstaunlicherweise kam jedoch keines davon in meinem Deutschkurs vor. Das irritierte mich und ich beschloss, meine Deutschlehrerin danach zu fragen. So fand ich heraus, dass das Lied in englischer Sprache gesungen wurde…

Ammar Sommak hat seit 2018 einen festen Job in Kassel. Foto: Wolfgang Wedel

Dieser Text erschien 2018 in der 12. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“.

Kontakt Ammar Sommak: asommak@yahoo.com

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