„Syrien. Ein Land ohne Krieg“ – Ein Buch

Das Buch „Syrien. Ein Land ohne Krieg“, herausgegeben von dem Syrien-Kenner und Fotografen Lutz Jäkel und der Duisburger Autorin Lamya Kaddor löste in der nid-Redaktion Freude, Trauer und Überraschung aus.

Syrien…meine Heimat. Darüber habe ich lange überhaupt nicht nachgedacht, weil ich nie geglaubt habe, dass ich einmal irgendwo anders leben könnte.
Nour Alzoubie

Glücklich machte mich vor allem auch das Bild einer Mutter mit vielen Kindern um sie herum. Und das Kleinste sitzt immer auf dem Schoß. (Ich wünsche mir so sehr, dass es eines Tages ein Bild gibt, von dem ich sagen kann: das ist meine Frau mit unseren Kindern, und das Kleinste sitzt auf dem Schoß und schaut fragend.) Dieser nahe Kontakt fehlt mir in Deutschland am meisten, mit meiner eigenen oder anderen Familien, das lebendige Zusammensein, aus dem angenehme Erinnerungen werden.
Khaled Al Rifai

Ein leichter Wind, ein Cocktail, ein Käsesandwich … der Duft der Jasminblüten und natürlich der Wasserpfeifen … Wir genießen, lachen, scherzen. Im Hintergrund läuft leise die Musik von Fadl Shaker. … Ich blicke nach rechts und sehe Menschen, die sich voller Zuneigung betrachten, andere, die sich temperamentvoll unterhalten. Alle sitzen vereint, Muslime, Christen, Araber, Kurden – alles ist so nah und spürbar: Geschichte, Vergangenheit, Gegenwart, Liebe.
Nahla Osman
(aus: „Syrien – Ein Land ohne Krieg“)

Als ich acht Jahre alt war, hatten meine Freunde und ich die Idee, dass wir mit dem Bus zur Zitadelle in Aleppo fahren könnten. Wie wir darauf kamen? Ich weiß es nicht. Mit Tränen und meinem treuherzigsten Gesicht versuchte ich, meine Mutter zu überreden, dass ich mitfahren durfte. Doch alle meine Künste bewirkten nichts, meine Mutter ließ mich nicht gehen. Die Fahrt kostete 25 Lira. Mein Erspartes (37 Lira) hätte ich lieber für etwas anderes ausgegeben, aber ich fühlte mich reich und mächtig, dass ich in der Lage war, die Fahrt zu bezahlen. Meine Eltern dachten, ich sei in der Schule, als ich mit meinen etwas älteren Freunden zur Zitadelle fuhr. – Ach, Mama, was für ein Schauspieler ich war!
Abdulrahman Salah

Nour Alzoubie (r.) mit Dorte Huneke-Nollmann.

Ein Foto in diesem Buch erinnert mich an meinen Urgroßvater in Daraa. Bei ihm habe ich jeden Sommer viele Wochen verbracht. In meiner Erinnerung habe ich in dieser Zeit von morgens bis abends bei ihm gesessen, er gab mir Süßigkeiten und manchmal Geld.
Das Leben in Syrien war für mich ein Leben in einer großen Familie, mit vielen Verwandten, die zusammen sitzen, lachen, reden, spielen. Vor wenigen Tagen erst habe ich in Gedanken an diese Zeit viel geweint, das Familienweh begleitet mich in Bochum, auch wenn ich hier neue Freunde finde und ein Teil meiner Familie bei mir ist.
Nour Alzoubie

Rashed Alalej (l.) mit Wael Alkadrw.

Am auffälligsten ist aber doch, dass so viele Menschen auf diesen Bildern lächeln! Welche Menschen sehen wir heute auf den Bildern aus Syrien im Fernsehen lächeln? Meine Erinnerungen sind so wie die Bilder in diesem Buch. Es gab eine Glückseligkeit, eine Ruhe in den Straßen und Städten in unserem Land. Ich erinnere mich nicht an Angst. Während ich minutenlang durch die Seiten im Buch blättere, träume ich, dass ich in Syrien bin, dass ich die vielen verschiedenen Orte besuche und das köstliche Essen genieße.
Rashed Alalej

In den Köpfen der meisten Menschen in Deutschland ist Syrien mit Krieg verbunden. Sie sehen diese Bilder in den Medien, zerstörte Städte und syrische Asylbewerber in Deutschland.
Khaled Al Rifai

Das nid-Team bei der Arbeit.

Mit meiner Schulklasse habe ich einmal einen Schulausflug nach Bosra gemacht (im Südwesten Syriens, dem sogenannten Hauran). Dort besuchten wir das alte römische Theater. Die Geschichte hat uns nicht sehr interessiert, aber wir staunten über die Größe der Bühne und die hohen Ränge. Mit meiner Freundin habe ich ein Wettrennen gemacht: Wer zuerst ganz oben die höchsten Ränge erreichen würde, sollte von der anderen fünf Lira bekommen. Ich habe das Rennen gewonnen! Meine Beine waren davon allerdings so erschöpft, dass ich es nicht mehr geschafft habe, die Stufen auch wieder hinunterzulaufen. In den folgenden Jahren bin ich noch häufiger mit meiner Familie dort gewesen. Aber ich war sehr gelangweilt bei diesen Ausflügen. Heute träume ich davon, noch einmal eine Stunde dort zu verbringen.
Nour Alzoubie

Issam Al-Najm beim nid-Treffen.

Dieses Buch in der Hand zu halten, das meine Heimat als ein tolles Land mit vielen Sehenswürdigkeiten, Vielfalt und der ältesten Hauptstadt der Welt zeigt, erfüllt mich mit Stolz. Ich stelle mir vor, dass Menschen in Deutschland dieses Buch anschauen und mein Land ohne Krieg sehen, das macht mich glücklich.
Khaled Al Rifai

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