Ein starkes Zeichen des Respekts

Ein starkes Zeichen des Respekts

Dass in einem Bochumer Museum wertvolle Kunstwerke im Original hängen, überraschte Lamia Hassow. Und sie erklärt, warum Museen von nun an zu ihren Lieblingsorten gehören.

Frau Zimmermann_Team_kl  Wenn ich an Museen denke, überfallen mich immer kleine Wellen der Angst. Ich fürchte mich vor der Langeweile, die ich dort erleben könnte. Genauso ging es mir, als ich hörte, dass wir mit unserem Zeitungsteam in ein Museum gehen würden. Ich stellte mir ein düsteres Gebäude in gelben Farben vor, ähnlich unserer Schule in Syrien. Wenn man hineingeht, hat man den Eindruck ein verbotenes Land zu betreten mit vielen Göttern und verzerrten Gesichtern. Museen waren für mich wie ein Labyrinth, durch das noch niemand mich führte – mit schönen Farben und manchmal merkwürdigen Figuren, die unsere Phantasie beflügeln.
In Syrien gibt es Museen nur in den großen Städten wie Damaskus und Aleppo. Sämtliche Ausgrabungen aus den kurdischen Gebieten wurden in die Museen von Aleppo gebracht, oder an Orte, von denen ich nicht weiß.
vor Bild_klAls wir zu „Situation Kunst“ kamen, war ich überrascht zu sehen, dass das Museum in einem offenen Park lag! Jeder ist eingeladen, es gibt keine Zäune. Familien verbringen ihre Zeit hier. Das haben die Menschen klug gemacht.

Das Weiß wird nur durch den herzlichen Empfang unserer Gastgeberin durchbrochen

Das Museum besteht aus zwei Teilen: Einem modernen Bau, der auf die Ruinen eines alten Gebäudes gesetzt wurde. (Ich mag diese Idee, zwei Gebäude auf diese Weise zusammenzubringen, das alte und das neue!) Das andere Gebäude, das „Museum unter Tage“, hat seinen wertvollsten Teil unter der Erde. Das ist sehr klug. Sie brauchen so weniger Sicherheitsleute. Wir gehen hinein, hinunter. Im Inneren des Museums herrscht ein starkes Weiß, das nur durch den herzlichen Empfang unserer Gastgeberin durchbrochen wird.
Frau Zimmermann macht es uns unmöglich, als Blinde durch die Ausstellung zu gehen, denn sie bereitet uns sehr gut vor, bevor wir die Räume betreten, in denen Kunstwerke aus der Zeit des Nationalsozialismus hingen.
Tisch_Lamiaspricht_klSie erklärt, dass wir zwei Arten von Kunst sehen werden: Einerseits die zur NS-Zeit erlaubte Kunst; hier wurden die Deutschen mit perfekten Eigenschaften portraitiert. Andererseits die verbotene Kunst („entartet“). Diese war mehrdeutig und erlaubte den Menschen, frei zu denken; die Künstler stellten das perfekte Bild der Deutschen in Frage.
Ich staune, wie schlau die Menschen in dieser Zeit waren. In Syrien wären diese Kunstwerke zerstört worden. In Deutschland machte man das nicht. Sie versteckten diese Kunstwerke und betrieben Handel damit. Sie verdienten Geld und wendeten ihren Hass in etwas, von dem sie profitieren konnten.

Vielleicht fühlen die Deutschen nicht, was ich hier sage.

Im Museum fangen wir an, darüber nachzudenken und zu analysieren, welche Kunstwerke in der NS-Zeit verboten und welche erlaubt waren, und warum. Das macht mir großen Spaß und ich lerne viel dabei. (Anders als wenn ich in Syrien im Museum bunte Farben betrachtete.)
Ich leugne nicht, dass meine Augen tränen, als ich auf meine Frage, ob diese Kunstwerke alle Originale seien, die Antwort erhalte, dass wir tatsächlich vor den echten Kunstwerken stehen.
Wissen Sie, liebe Leserinnen und Leser, warum meine Augen tränten? Weil die deutsche Regierung einer kleinen Stadt wie Bochum – die nicht die Hauptstadt von Deutschland ist, nicht einmal die Hauptstadt von NRW – erlaubt, solche wertvollen Kunstwerke zu zeigen. Das ist ein starkes Zeichen des Respekts.
Vielleicht fühlen die Deutschen nicht, was ich hier sage. Vielleicht ist es für sie normal. Aber ich komme aus einer Region, die dieses Recht nicht hatte. Wir durften die Schätze aus unserer Region nicht in unseren kleinen Städten und Dörfern behalten und ausstellen.
Ich freue mich sehr, dass ich an diesem Tag entdecken durfte, dass Museen von nun an zu meinen Lieblingsorten gehören. Ich respektiere Deutschland aus der Tiefe meines Herzen.
situation-kunst.de

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