Warum sind Zeugnisse in Deutschland so wichtig?

Von Yasser Mimo, Kassel

Deutschland ist ein reiches Land, das viele vor Kriegen geflohene Menschen aus unterschiedlichen Ländern aus humanitären Gründen aufgenommen hat. Danke, Deutschland!

Unsere Geschichte beginnt 2015. Deutschland öffnete für viele Menschen in Not seine Grenzen. Am Anfang war alles schwierig, sowohl für die Flüchtlinge als auch fürdie deutsche Regierung, und für die deutsche Gesellschaft. Mittlerweile wird das Bild klarer, die Aufgaben und Möglichkeiten werden deutlicher erkennbar.

Am Anfang fühlten die Flüchtlinge sich fremd in diesem neuen Land, mit dieser neuen Sprache, den neuen Regeln und Gesetzen. Auch Deutschland hat sich selbst unter Druck gesetzt: Die Menschen im Land waren nicht darauf vorbereitet, so viele Flüchtlinge aufzunehmen. Bis heute gibt es viele Menschen, die gebildet sind und in Syrien eine gute Arbeit hatten. Trotzdem finden sie in Deutschland keine Arbeit. Woran liegt das? Wollen die Flüchtlinge nicht arbeiten, wollen sie lieber zu Hause bleiben? Müsste die deutsche Gesellschaft die Flüchtlinge noch stärker unterstützen? Ich kann diese Frage nicht beantworten. Aber ich habe mehrmals beobachtet, was passiert, wenn ein geflüchteter Mensch sich bei einer deutschen Firma bewirbt. Die Firma fragt ihn: Welche Zeugnisse haben Sie? Warum fragen sie nicht: Welche praktischen Erfahrungen konnten sie sammeln, welche Stärken und Fähigkeiten bringen Sie mit?

In Syrien spielen Zeugnisse bei einigen Berufen gar keine Rolle, da wird nur geschaut, welche Fähigkeiten eine Person mitbringt. Zum Beispiel bei Fahrern, Tischlern, Elektrikern, Malern. Diese Berufe werden in der Praxis erlernt, es gibt keinen formellen Ausbildungsweg. Vielen Flüchtlingen aus Syrien fehlen deshalb die Zeugnisse, nach denen in Deutschland in aller Regel als erstes gefragt wird. Sie beherrschen ihren Job, aber sie werden hier keine Arbeit finden. Ihre Deutschkenntnisse würden in vielen Fällen sicher ausreichen, um einen guten Job zu machen. Aber eine Ausbildung erfordert viel mehr Sprachvermögen.

Eine Ausbildung erfordert außerdem Zeit und Geduld. Ich wünschte, es gäbe in Deutschland andere Wege, um Menschen, die arbeiten wollen und arbeiten können, auch eine berufliche Chance zu geben. Danke schön.

Yasser Mimo, 35 Jahre, lebt in Kassel. In Syrien hat er Jura studiert. 2012 reiste er zunächst nach Ägypten, arbeitete dort in einer Werbefirma und floh weiter nach Deutschland. Hier sucht er nach einem Job bei einer Organisation, die Flüchtlinge unterstützt; die deutsche Sprache beherrscht er auf dem Niveau C1.

Dieser Text erschien 2020 in der 18. Ausgabe von „nid – neu in deutschland“.

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