Wenn wir doch noch Kinder wären!

Die arabische Sprache erlernte der syrische Englischlehrer Azeddin Darmach erst, als er in die Schule kam. In seinem Heimatdorf lasen und schrieben die Menschen in osmanischem Türkisch. Heute lernen drei Generationen seiner Familie Deutsch – mit unterschiedlichem Erfolg.Wie einfach oder schwierig ist es, eine neue Sprache zu lernen?

Ich bin ein gebürtiger Türkisch-Sprecher, obwohl ich ein syrischer Bürger bin. Die offizielle Sprache in Syrien ist Arabisch. Und normalerweise lernen die Kinder Arabisch mit dem Schulanfang. Auch ich lernte Arabisch erst, als ich in die Schule kam – mit neun Jahren. Vorher gab es keine Schule in meinem Dorf und wir lernten Lesen und Schreiben in osmanischem Türkisch.

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Ohne Neugier keine Sprache: Azeddin Darmach mit dem NiD-Team in Berlin.

Laut Forschungsergebnissen kann ein Kind eine neue Sprache in etwa 600 Stunden lernen, wenn es dieser Sprache stetig ausgesetzt ist. Das bedeutet: ein Schuljahr für ein Kind. Und genau das ist mir in meinem ersten Schuljahr passiert. Eines Nachts gegen Ende des Jahres, als ich eine Geschichte las und merkte, dass ich alles verstand, war ich so glücklich! Obwohl Arabisch überhaupt keine leichte Sprache ist.

Das größte Problem für mich, das zu lösen blieb, war das Genus im Arabischen. (Es gibt Maskulinum und Femininum, aber kein Neutrum auf Arabisch.) Es war für mich besonders schwierig, weil diese Eigenschaft im Türkischen nicht gegeben ist. Türkisch drückt das Genus durch Substantive oder Pronomen aus, wie im Englischen.

Auf der Mittelschule begann die Geschichte meines Englischlernens. Und als ich nach kurzer Zeit entdeckte, dass Englisch kein Genusproblem hat (so wie das Arabische) war ich so zufrieden damit, dass ich es immer mit großem Verlangen lernte. Ich machte sogar eine solche Karriere, dass ich die englische Sprache eines Tages unterrichtete.

Alle sieben Kinder sprachen untereinander Deutsch

Endlich Deutsch. Vor zwei Jahren kamen wir nach Deutschland – eine Familie von achtzehn Menschen (sieben Kinder und junge Menschen, elf erwachsene Männer und Frauen). Nach einer Weile begannen die Kinder, in Schulen und Kindergärten zu gehen. Und die Erwachsenen (Eltern und Großeltern) besuchten Deutschkurse. Gegen Ende des ersten Schuljahres sprachen alle sieben Kinder zu Hause und untereinander nur Deutsch. Arabisch sprachen sie nur noch mit ihren Eltern, manchmal gemischt mit Deutsch. Und wir, die elenden Älteren, kämpfen immer noch mit den Artikeln, Maskulinum, Femininum und Neutrum, oder mit den Präpositionen, Adjektiven und Adverben oder mit Akkusativ, Dativ, Genitiv. Und nach fast anderthalb Jahren fleißiger Arbeit in unseren Deutschkursen sind wir nicht in der Lage, Deutsch auch nur halb so gut zu sprechen wie unsere Kinder und Enkel.

Wenn ich das Deutsche und das Arabische vergleiche, erscheint mir das Deutsche noch ein Stück weit schwieriger. Aber eine Sprache ist eine Sprache, egal ob sie Arabisch, Englisch, Deutsch oder vielleicht Chinesisch ist. Ein Kind wird eine Sprache einfach im Laufe eines Schuljahres lernen. Das Problem liegt bei uns, den Älteren. Nicht in der Sprache. Wenn wir doch noch Kinder wären!

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