Liebe Gardan, mein kleiner Schatz

Brief einer jesidischen Mutter aus dem Irak an ihre Tochter 

Liebe Gardan, mein Schatz,

als Du vor einem Jahr geboren wurdest, gaben wir Dir den Namen Gardan – und ein Teil von mir hofft, dass Du uns nie fragst, warum wir diesen Namen für Dich wählten.

Das Leben in unserer Heimat war für uns nicht gut, wir erlebten viele schlechte Dinge. Wir mussten fort. Gardan bedeutet „die, die an keinem Ort bleiben kann“. Diesen Namen haben wir Dir nicht gerne gegeben, aber es war unsere Pflicht. In unserem Leben sind wir gezwungen, an verschiedenen Orten zu leben. Wir zogen von einem Zeltdorf ins nächste.

Für Dich wollten wir ein anderes Leben;  nicht dieses unschöne Leben in einem getöteten und verwundeten Heimatland. In unserem Land geschieht das Töten öffentlich, die Liebe wird wie ein Verbrechen versteckt.
Ich verließ mein Vaterland, ließ meine Mutter und meinen Vater zurück, damit Du nicht dieses Leben erfährst, das wir erfahren haben. Ich hoffe, dass wir ein schöneres Leben finden. Dass Du mit Deiner Mutter und Deinem Vater aufwachsen kannst, und sie hoffentlich nicht eines Tages verlassen musst, wie wir es taten. Wir kamen hierher, ließen alles hinter uns, um Dich in Sicherheit zu bringen. Und Du, meine liebe Gardan, warst noch in meinem Bauch, seit acht Monaten, als wir einen gefährlichen Weg auf uns nahmen. Es war der Weg von Toten und Verschwundenen. Tausende verloren im Wasser ihr Leben, andere verloren ihre Heimat oder ihre Familien. Wieder andere mussten erfrieren. Viele Kinder verloren Mutter und Vater. Vergiss nie unser Glück, mein liebes Kind, dass wir dieses menschliche Land erreicht haben! Du wurdest in diesem Land geboren. Es soll Deines sein. Dieses Land heißt Deutschland.

Jamila_Gardan_Lamia
Jamila Ali (l.) mit ihrer Tochter und Lamia Hassow.

Nach Deiner Geburt, meine liebe Gardan, haben wir alles Schlechte, das hinter uns liegt, vergessen, denn wir hoffen, dass Du in diesem Land vor allen schlechten Dingen geschützt bist. Ich möchte Dich vor unseren Erfahrungen bewahren, so wie alle Kinder bewahrt werden sollten.

In unserer Heimat, im Irak, gibt es für unsere Kinder keine Rechte. Wir sind Jesiden, wir gehören einer alten Religion an. Im Irak leben nur noch wenige Jesiden. Viele wurden durch Massaker getötet, mit dem Ziel, uns auszurotten. Und, meine liebe Gardan, ich werde fortfahren, von dieser Katastrophe zu sprechen, denn es ist noch nicht zu Ende.

In Liebe,
Deine Mama

Diesen Brief diktierte Jamila Ali zunächst ihrem Schwager auf Kurdisch.
Lamia Hassow übersetzte ihn für uns ins Deutsche.

Die besondere Herausforderung: Die kurdischen Worte waren in arabischer Schrift geschrieben, nicht wie üblich in lateinischer. Jamila musste den Brief also vorlesen, damit Lamia Alhussow die Worte hören und übersetzen konnte. Über die genaue Bedeutung einzelner Sätze wurden im NiD-Team auf Arabisch und Englisch diskutiert.

Der Text entstand im Februar 2017 – in der NiD-Frauen-Redaktion.

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