Brief an einen Sohn

Ein Brief an einen Sohn

Der 19-jährige Hamza Mahasna hat als Kind viel verloren. Durch den Krieg wurde er von seinen Eltern getrennt, aus seiner Heimat musste er fliehen. Kann ein Mensch, der Verlust und Angst erlebt hat, seinen Kindern für die Zukunft Kraft und Hoffnung geben? In einem Brief an einen zukünftigen Sohn führt Hamza Mahasna einen Kampf gegen sein eigenes Misstrauen und die Hoffnungslosigkeit.

Mein Sohn,

dieses Leben war nie eines, das ich wollte. Druck zu Hause, Druck in der Schule. Ein Vater, der mich vor langer Zeit aufgegeben hat; eine Mutter, die mich auf ihrem Weg an die Spitze vergessen hat. Niemand möchte mitten in einem Krieg leben. Fünf Jahre, die mein Leben erschüttert haben. Fünf Jahre, die mir den Mut zum Leben genommen haben. Fünf Jahre, in denen ich mich selbst verloren habe, den Menschen, der ich immer sein wollte.

Das Leben ist schmerzhaft, mein lieber Sohn, das Leben ist schwarz … wenn Du Deine Eltern verlierst, Deine Freunde, Deine Familie. Zerstörte Liebe verbrennt alles Schöne in einem Menschen und hinterlässt ein großes dunkles Loch in Deinem Herzen.

In diesem Leben musst Du der Stärkste von allen sein, egal zu wem Du gehörst, Du machst die Drecksarbeit und räumst hinter Dir auf. Aber tu das nie!

Vergiss nie, was ich Dir sage. Denn glaube mir, wenn sie die Möglichkeiten haben, Dir die Seele zu rauben, werden sie es tun… Der Hass wird stärker werden, die Liebe wird zur Lüge oder zu einer Kindergeschichte. Geh und lebe für Dich! Solange Du jemanden hast, um den Du Dich sorgst, musst Du ständig darauf gefasst sein, diesen Menschen zu verlieren, ohne ihn zu leben.

Mach nie etwas Schlechtes. Morde und vergewaltige nicht. Versuche niemanden zu verletzen, denn alle Verletzungen fügst Du Dir selbst zu. Erwarte nichts Gutes, denn in dieser grausamen Welt ist nichts als das Schlechteste zu haben.

Du bist ein Mann, Du darfst nicht weinen, schreien oder Schmerz zeigen. Auch diese schrecklichen Lügen werden von schrecklichen Menschen erfunden…

Dieser Text erschien 2018 in der 12. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“.

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