Zwei besondere Stücke Haut

Zwei besondere Stücke Haut

Von Lamia Hassow

Ich war noch ein Kind und es war eigentlich ein langweiliger Tag: Aber plötzlich wurde uns, wie aus dem Nichts, ein fantastischer Teller voller Süßigkeiten vor die Nase gestellt. Ich habe nicht genau verstanden, was unsere Nachbarn uns damit sagen wollten, wir waren noch zu klein. Aber wir spürten die große Freude, welche die Erwachsenen erfüllte. Süßigkeiten verstehen Kinder in jedem Alter sehr gut.

Lamia Hassow (rechts) schreibt seit Anfang 2017 für die nid-Zeitung.

Einige Jahre später hatte meine Familie denselben Anlass zu feiern: Mein Bruder wurde beschnitten. Tagelang konnte ich die Vorbereitungen beobachten, obwohl meine Familie die Feier längst nicht so übertrieben hat, wie damals unsere Nachbarn oder viele andere Familien, die ich kenne. Aber ihre Freude war nicht zu übersehen. Mein Bruder war ungefähr sechs Jahre alt. Die Gesichter in meiner Familie und unserer Gäste strahlten.

Diese Aufmerksamkeit, die mein Bruder erfuhr – die hätte ich auch gerne bekommen.

Mein Bruder erhielt von allen Seiten bestärkende Sätze, als wäre er ein König. „Du bist jetzt ein Mann!“ Aber wie kann ein Stück Fleisch, das in den Abfall geworfen wird, einen sechsjährigen Jungen so plötzlich zum Mann machen? Darauf fand ich damals keine Antwort.

Das Ritual einer verstümmelnden Beschneidung von Mädchen gibt es in meiner Region nicht – Gott sei Dank! Und selbst dort, wo junge Mädchen grausam beschnitten werden, ist das kein Grund zum Feiern und zur Freude. Die Mädchen werden nicht wie Königinnen behandelt. Es gibt keine triumphierende Freude, die das Mädchen ihre schrecklichen Schmerzen vergessen lässt. Ihre Lust wird ermordet. Die Familie will die Mädchen davor bewahren, in ihrer Zukunft als Frau sexuelle Lust zu erleben, weil diese Lust sie in eine gesellschaftliche Unterwelt führt. Das Stück Haut, das ebenfalls anschließend weggeworfen wird, wird als ein Stück Schande betrachtet. All das habe ich natürlich erst viel später erfahren. Aber diese Freude, diese Aufmerksamkeit, die mein Bruder erfuhr – die hätte ich auch gerne bekommen. Auch die Geschenke, die stolzen, bestärkenden Blicke.

Lamia Hassow (rechts) mit ihren nid-Kollegen Azeddin Darmach (Mitte) und Issam Al-Najm.

Auch bei uns Frauen richtet die Gesellschaft eine besondere Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Stück Haut – aber wir selbst werden dafür nicht wie Königinnen behandelt. Vielmehr lebt die Frau als Untertanin unter der strengen Herrschaft dieser königlichen Haut. Bis wir uns mit einem Mann verheiraten, sind wir Frauen herausgefordert, diesem Stück unseres Körpers eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Das ist unsere Pflicht. Ich spreche natürlich vom Jungfernhäutchen.

Das Jungfernhäutchen ist unsere Anleitung zur Keuschheit. Es ist das Portal, das uns den Weg zur Hochzeit eröffnet, zum Muttersein. Wenn wir das Häutchen verlieren, ist uns dieser Weg verbaut oder, sagen wir, es wird deutlich mühsamer, diesen Weg zu gehen. Eine Frau, die vor der Hochzeit dieses kleine Stück Haut verliert, verliert ihren guten Ruf. Sie wird als „Schlampe“ oder „Hure“ bezeichnet. (Ein Mann, der vor seiner Hochzeit eine Nacht mit einer „Schlampe“ oder „Hure“ verbringt, kommt unbeschadet davon.)

Eine Frau kann das Jungfernhäutchen durch einen Unfall verlieren (ohne dass ein Mann dabei eine Rolle spielt) oder durch eine Vergewaltigung (der Täter ist ein Mann) oder sie wird ohne dieses Stück Haut geboren. Der Verlust jedenfalls kann den Tod der Frau bedeuten, „nur“ gesellschaftlich oder sogar körperlich.

Ihre Majestät, mein Jungfernhäutchen!

Unter der Herrschaft des Jungfernhäutchens sieht das Leben einer Frau so aus:

Verzichte aufs Fahrradfahren!

Reite nicht auf Pferden!

Vermeide es, Sport zu treiben, vor allem das Springen aus großen Höhen.

Tu nichts, was mich beschädigen könnte.

Sprich nicht mit Jungen oder Männern.

Verabrede dich nicht mit Jungen oder Männern; sie haben immer giftige Ideen, die mich zerreißen könnten.

Das Glück beginnt, wenn man einen Mann zum Heiraten gefunden hat. Dann kann die Frau tun, was sie vorher nicht durfte: springen, reiten, Fahrradfahren. Eine Frau, die keinen Mann findet, muss diese Verbote ein Leben lang einhalten und sie muss das, was sie glücklich machen könnte, auf unbestimmte Zeit verschieben.

Titelfoto: Wolfgang Wedel
Kontakt Lamia Hassow: hassow-l@hotmail.com

Dieser Text erschien 2018 in der 10. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“.

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