Was ich (nicht) gerne gefragt werde… (Teil 1)

Das Stichwort „Tabu“ (Schwerpunkt-Thema unser 10. Ausgabe) warf im nid-Team die Fragen auf, was wir persönlich gerne gefragt werden – und worüber wir lieber nicht sprechen möchten.

Von meinen Landsleuten werde ich immer zuerst gefragt, wie ich heiße und dann: Woher kommst du? Ich wurde in Damaskus geboren, aber meine Eltern kommen aus Kamischli, im Norden Syriens, der kurdischen Region. Die meisten wundern sich, dass ich so spreche, wie alle anderen Damaszener… weil meine Familie kurdisch ist. Aber ich bin doch in Damaskus aufgewachsen! Die kurdische Sprache war in Syrien lange tabu.
Sami Omar

Im Militär war es sogar verboten, Kurdisch zu sprechen. An vielen anderen Orten auch. Zumindest war es problematisch. Ich habe in meiner Militärzeit das erste Mal Kurdisch gehört. Viele Menschen in Syrien wissen überhaupt nicht, dass in unserem Land viele Sprachen gesprochen werden.
Issam Al-Najm

Issam Al-Najm beim nid-Treffen. Foto: Wolfgang Wedel

Fußball! Ich werde gerne danach gefragt, welche Spiele ich gesehen habe und welche Mannschaft ich mag. Und ich spreche sehr gerne über die Zukunft: Was hast du vor, was möchtest du machen?
Sami Omar

Ich mag es, wenn ich nach Büchern gefragt werde: Welches Buch liest du gerade? Welches Buch gefällt dir gut? Welche Bücher möchtest du noch lesen?
Issam Al-Najm

Als ich aus Berlin zurückkam, wurde ich von vielen Leuten gefragt, ob ich lieber in Bochum oder Berlin leben möchte. Diese Frage mochte ich nicht. Berlin ist eine tolle Stadt mit beeindruckenden Gebäuden. Und natürlich müssen wir bereit sein, in anderen Städten zu leben, wenn wir Arbeit suchen. Aber in Bochum habe ich meine sozialen Gebäude. Es ist nicht leicht, neue zu bauen.
Mahmoud Aldalati

Wir hätten Kopfschmerzen, wenn wir immer über den Krieg sprechen müssten! Wir haben die Freiheit vergessen.
Sami Omar

Khaled Al Rifai (vorne) in der nid-Redaktion. Foto: Wolfgang Wedel

Wer fragt danach, ob ich genug Zeit für mich habe?

Ich mag es nicht, wenn ich mit der Frage begrüßt werde „Wo sind deine Kinder?“, nur weil ich irgendwo allein auftauche. Als wäre jeder dafür verantwortlich zu überprüfen, ob ich meine Rolle gut ausführe. Wer fragt danach, ob ich genug Zeit für mich habe? Wir erleben fast alles zu dritt. Wenn ich eine Veranstaltung habe, sitzen meine Kinder in der ersten Reihe. Wenn meine Tochter eine Tanzshow hat, tanzen wir im Publikum mit. Wenn mein Sohn seine Trommel schlägt, klatschen wir für ihn. Ich verstehe, dass die Menschen sich Sorgen um meine Kinder machen, das ist lieb, das ist nett, keine Frage. Aber es ist unser Leben. Meine Kinder werden größer – und auch ich werde älter. Und ich will leben, schöne Dinge erleben!
Was ich sehr gerne gefragt werde, ist „Kommst Du mit?“ Ja, ich komme gerne mit! Ins Kino, ins Konzert, oder einfach so, zum Quatschen. (Nur bitte keine Spaziergänge mehr… Ich habe in meinen ersten Wochen in Deutschland so viele Spaziergänge gemacht, wie noch nie in meinem Leben. Die Menschen in Deutschland gehen gerne spazieren, das habe ich verstanden. Ich habe es versucht. Aber ich fahre doch sehr viel lieber mit dem Auto.) Ach so, und was ich außerdem nicht gerne gefragt werde: ob ich mein Kopftuch absetzen möchte.
Nahed Al Essa

Wael Alkadrw beim nid-Treffen. Foto: Wolfgang Wedel

Ich freue mich, wenn sich jemand nach meiner Familie erkundigt. Das zeigt mir, dass jemand sich für mich interessiert. Das gleiche Gefühl habe ich, wenn jemand fragt, was ich beruflich gemacht habe und welche beruflichen Ziele ich habe. – Über meine Heimat, Syrien, vor dem Krieg spreche ich auch gerne, aber ich werde nicht gerne nach der aktuellen Lage gefragt. Alle wissen, wie schlimm alles dort gerade ist. Ich werde aber gerne nach dem Islam gefragt, die meisten Menschen wissen sehr wenig darüber.
Wael Alkadrw

Fühlst du dich wohl in Deutschland? – Wenn ich das gefragt werde, folgt darauf meist ein gutes Gespräch mit einem aufmerksamen, netten Menschen.
Khaled Al Rifai

Dieser Text erschien 2018 in der 10. Ausgabe der nid-Zeitung.
Teil 2 dieses Textes (>>LINK)

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