Wir müssen über den  Elefanten sprechen!

In einem Manifest formulierte das nid-Team 2017: „Unsere Zeitung soll weder von politischen Meinungen noch von religiösen Überzeugungen beherrscht werden.“ Die politischen und religiösen Konflikte – auch innerhalb unseres Teams – sind uns bekannt. Sie sitzen mit uns am Tisch. In unserer Zeitung klammern wir politische und religiöse Haltungen jedoch so weit wie möglich aus. nid-Autor Ciwan Mohemed findet: Schweigen ist kein Weg nach vorne!

3400 Kilometer habe ich hinter mich gelegt, um in Deutschland leben und weiter als Journalist arbeiten zu können. Als ich hörte, dass eine Zeitung, die für Neuankömmlinge wie mich gegründet wurde, sich selbst ein Tabu auferlegt – nicht über Religion und Politik zu schreiben – das war für mich befremdlich. Politik und Religion sind keine Themen, die den Menschen genommen werden können, dafür durchdringen sie unser Leben allzu sehr. Vor allem im Leben geflüchteter Menschen spielen Politik und Religion eine besonders große Rolle. Ob man darüber spricht oder nicht: diese Themen sind für uns alle wie ein Elefant im Raum. Und weil dieser Elefant so schnell nicht verschwindet, müssen wir über ihn sprechen.

Ciwan Mohemed (Mitte) mit dem nid-Team im Lehmbruck-Museum.

Ich komme aus einem Land der Konflikte, geboren und aufgewachsen zwischen Erdöl und Wasser, Kirchen und Moscheen, Linken und Rechten, Stammeskulturen und der Moderne. Von verschiedenen politischen Lagern wurden wir verkauft oder vertrieben. Religiöse Konflikte haben unser Land brennen lassen. Unsere Sichtweisen, Haltungen, aber auch die Konflikte, die über diese Dinge entbrennen – all das ist und bleibt in unseren Köpfen. Somit sind wir alle politisch, ob wir darüber offen sprechen oder nicht. Wenn kein Dialog darüber stattfindet, dann tragen wir unsere Vorstellungen von Moral und Gesellschaft, von Tätern und Opfern, vom Himmel und der Erde weiter in uns. Dann können wir uns nicht weiterentwickeln und nicht weiter aufeinander zu gehen. Nur im Dialog können wir aktiv eine bessere Zukunft gestalten, anstatt die bisherigen Probleme von anderen verwalten zu lassen.

Wenn wir diesen Schritt nicht gehen, dann wird es immer schwieriger, zwischenmenschliche Lösungen zu finden. Nicht das Sprechen über Politik und Religion sollte ein Tabu sein. Ein Tabu sollte es sein, über diese Themen zu schweigen.

Das nid-Manifest online: www.nid-zeitung.de/manifest

Dieser Text erschien 2018 in der 10. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“.

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