Meine Schaukel

Meine Schaukel

Von Dima Halabi

Meine Geschwister und ich konnten es jedes Mal kaum erwarten, wenn mein Vater ankündigte, dass wir meine Großmutter besuchen würden. Meine Oma hatte ein großes Haus mit einem schönen bunten Garten voller Blumen und Sträucher. Meistens blieben wir etwa drei Tage dort und in meiner Erinnerung verbrachte ich die kompletten drei Tage auf einer Schaukel, die im Garten von einem Baum herabhing.

Die Schaukel verließ ich höchstens, um mit den anderen Kindern, die dort waren, ein Wettrennen zu machen. Diese Tage waren ein einziges großes Abenteuer für mich.

Für meine Mutter bedeuteten diese Tage viel Arbeit, denke ich. Wir Kinder waren immer hungrig und unsere Kleidung war immer schmutzig. Manchmal musste ich um meinen Platz auf der Schaukel kämpfen, weil auch die anderen Kinder dort sitzen wollten. Wenn ich es schaffte und die anderen Kinder zum Spielen woandershin gingen, bewegte ich mich langsam hin und her. Die Schaukel war nämlich genau vor dem Wohnzimmerfenster und von drinnen konnte ich die Stimmen der Erwachsenen hören. Was sie sagten, interessierte mich nicht sehr, aber der fröhliche Klang ihrer Stimmen gab mir ein sicheres Gefühl.

Dima Halabi, Foto: Issam Alnajm

Wenn mein Vater ankündigte, dass es Zeit war, nach Hause zu fahren, verabschiedete ich mich traurig von meiner Schaukel. Aber ich glaube, ich habe damals nicht einmal eine Träne geweint, weil ich wusste, dass wir bald wieder solche Tage verbringen würden. Wenn ich heute an das Holz denke, aus dem meine Schaukel gemacht war, und an die Stimmen, die aus dem Haus kamen, dann klopft mein Herz bis zum Hals und ich spüre ein Zittern in meinem Körper. Denn es gab diesen einen Tag, an dem wir unser Haus verließen – nicht, um zum Haus meiner Großmutter zu fahren, und nicht, um nach drei Tagen dorthin wieder zurückzukehren.

Dieser Text erschien 2018 in der 11. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“.

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