Neues Berlin. Eine Utopie

Neue Technologien, ein neues Land, eine neue Sprache:  Für Azeddin Darmach (70) hat die Realität gegenwärtig so vieles zu bieten, dass er sie mit Vergnügen und Fantasie weiterschreibt.

Von Azeddin Darmach
Foto: Sandra Schuck

Letzte Nacht fand ich mich in einer Stadt wieder, die den Namen „Neues Berlin“ trug. Meine Wohnung befand sich im 150. Stock in einem riesigen Turm. Die Entfernungen zwischen den zahlreichen riesigen Türmen betrugen mehr als zweihundert Meter. Es gab eine Schwebebahn zwischen allen Türmen. Diese brachte die Leute von einem Turm zum anderen, ohne dass sie auf die Straße hinuntergehen mussten.

Ich erinnere mich, dass ich nach dem Supermarkt Cappadocia suchte, um etwas zu kaufen. Ein Mann neben mir lachte und sagte, dass es keinen weiter entfernten Markt gebe. Jeder Turm war eine eigene Stadt, die ihren Bewohnerinnen und Bewohnern alles zur Verfügung stellte, was sie brauchten.

Besonders auffällig war, dass keine Autos unten auf den Straßen fuhren. Es gab auch viele grüne Flächen, es war nahezu ein Paradies an verschiedenen Blumenarten, die überall wuchsen. Außerdem gab es spezielle Unterhaltungstürme, mit Theatern, Kinos, Spielhallen, Sportarenen und so weiter und so weiter.

Das Wetter war wunderbar und die Luft war unglaublich sauber. Schulen, Krankenhäuser und andere Einrichtungen befanden sich alle in größeren Blöcken, nicht weit entfernt von den Wohnungstürmen.

Jetzt fahre ich in einer Schwebebahn. Im Zentrum der Stadt sehe ich ein gigantisches Gebäude, das dem Gebäude des Europäischen Parlaments in Brüssel sehr ähnlich sieht, aber noch größer und höher ist. Interessanterweise steht vor dem Gebäude ein großes Triumphtor, ähnlich dem Brandenburger Tor in Berlin. Als ich einige Leute nach diesem Gebäude und nach dem Tor frage, bin ich von der Antwort überrascht: In den Koalitionsgesprächen hatten Angela Merkel und (der damalige SPD-Chef) Martin Schulz beschlossen, den Bundestag und sämtliche Regierungsämter in unsere Stadt zu verlegen.

Das Gebäude, vor dem ich stehe, ist das neue Hauptquartier der Regierung. Armes altes Berlin! Berlin ist derweil eine trostlose, hässliche Stadt geworden. Helikopter und Drohnen fliegen die Regierungsbeamten vom neuen Hauptquartier aus an ihre Ziele. Plötzlich erinnere ich mich an meine liebe Lehrerin Katharina.

Hallo Katharina, wo sind Sie? Ich möchte Sie gerne treffen.
Hallo Herr Darmach, wo sind Sie?
Ich bin vor dem Bundestag im neuen Berlin, aber ich möchte Sie sehen.
Gerne, ich schicke Ihnen meine Adresse über Google, und ich warte auf Sie.

Ich nehme die Schwebebahn mit der Nummer 5 und nach kurzer Zeit komme ich zu dem Platz, an dem Katharina ist. Es ist ein großes Gebäude. Ganz oben ist ein großes Schild angebracht. Darauf steht: Großes Sprachinstitut. Darunter sind mehr als hundert Sprachen aufgelistet, die im Gebäude unterrichtet werden. Katharina ist die Leiterin dieses Instituts.

Als ich an die Tür komme, öffnet diese sich von selbst, weil jemand meine Daten in den Chip an der Tür eingegeben hat. Ich komme zu Katharinas Büro und dort steht meine liebe Lehrerin lachend an der Tür.

Hallo Herr Darmach!
Hallo Katharina!
Wie geht es Ihnen?
Gut, und Ihnen?
Auch gut.

Ich bin überwältigt von ihrem Anblick. Sie ist noch größer geworden. Ihre Augen leuchten noch mehr und sie ist schöner als zuvor. „Aber, Katharina, was ist mit Ihrer Nase passiert? Früher hatten Sie eine große Nase. Heute ist es eine kleine, sehr hübsche Nase.“ Katharina lacht laut: „Eine kleine plastische Laserbehandlung – und alles war in Ordnung! Die moderne Technologie in unserer Stadt ist super!“

Dann hat sie noch eine andere Überraschung für mich. „Kommen Sie doch rein, setzen Sie sich!“, sagt sie auf Hocharabisch zu mir. „Katharina, wann und wo haben Sie Arabisch gelernt?“ „Nicht nur Arabisch, Herr Darmach! Ich spreche heute sieben Sprachen, neben meiner Muttersprache: Englisch, Französisch, Arabisch, Türkisch, Kurdisch in vier Dialekten (also Kurmanci, Gorani, Sorani und Zazaki), außerdem Chinesisch und Japanisch. Glauben Sie, dass nur Sie mehrere Sprachen sprechen? Wir müssen uns alle entwickeln, so wie sich unsere Städte entwickeln.“ – „Super! Damit sollten Sie viel Geld verdienen!“ Sie lacht laut: „Gar nicht! Ich arbeite ehrenamtlich.“ – „Und wovon leben Sie, Katharina?“ – „Lebensmittel sind kostenlos in unserer Stadt. Alle Restaurants, Kantinen und Imbisse versorgen die Bewohnerinnen und Bewohner unserer Stadt mit kostenlosem Essen und Trinken. Wir brauchen nicht viel Geld hier, weil wir Lebensmittel im Überfluss herstellen, genug für das ganze Ruhrgebiet und darüber hinaus!“

Dann klingelt mein Handy. Ich wache auf. „Nein! Stop! Ich möchte weiter träumen, weiter träumen!“ Ich setze mich in ein kaltes, dunkles Zimmer, mit kaltem Schweiß auf meiner Stirn. Verzweifelt denke ich an mein neues Berlin.

Bochum, 18. April 2018

Dieser Text erschien 2018 in der 11. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“ >>PDF blättern

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