Re:Speech & Neu in Deutschland

Das Medienprojekt Re:Speech der Medizinischen Flüchtlingshilfe Bochum präsentierte am 25. November im Bahnhof Langendreer eine bundesweite deutsch-arabische Printpublikation, die an diesem Tag als Beilage der taz erschien.

Das „Neu in Deutschland“-Team feierte mit den KollegInnen von Re:Speech. Sehr gerne folgten wir der Einladung, in unseren Worten zu beschreiben, warum es Publikationen wir Re:Speech und „Neu in Deutschland“ in unseren Augen geben m.u.s.s. Wir taten dies mit einem Beitrag der Herausgeberin Dorte Huneke-Nollmann und Beiträgen von Marwan Alfneesh und Khaled Al Rifai im Namen unserer Redaktion, auf Deutsch und Arabisch.

Dorte Huneke-Nollmann:
Seit über einem Jahr berichten die Medien in Deutschland täglich über Flucht, Kriege, Geflüchtete, Notunterkünfte, Ehrenamtliche, Integration und andere Herausforderungen. Sie vermitteln optimistische, skeptische, negative und pragmatische Lösungsansätze. Es ist alles gesagt, so scheint es. Von allen Seiten. Mehrfach. Braucht es wirklich noch weitere Publikationen zum Thema?

Natürlich haben wir diese Frage längst mit „ja“ beantwortet – Sie alle, Ihr alle. Sonst wären wir heute nicht hier, um die Printausgabe des Medienprojektes Re:Speech zu lesen, zu diskutieren und zu feiern.

Als Herausgeberin der Zeitung „Neu in Deutschland. Zeitung über Flucht, Liebe und das Leben“ freue ich mich ebenfalls und ganz besonders, dass es diese Publikation gibt. Denn es sind noch längst nicht alle Worte und Ausdrucksformen gefunden worden, mit denen wir unser neues deutsches Zusammenleben beschreiben können, um es zu gestalten, zu verstehen, zu verbessern und immer wieder neu zu denken.

Die KollegInnen von ReSpeech leisten eine tolle Arbeit und ich freue mich, dass wir seit dem Start des Projektes Anfang des Jahres im kollegialen Austausch stehen. – Weil wir etwas Ähnliches machen, und doch anders.

„Neu in Deutschland“ ist eine Zeitung, aber auch ein Forum, ein Ausgangspunkt, von dem aus wir den Dialog zwischen Menschen, die neu in Deutschland sind, und denen, die schon länger hier leben, anstoßen wollen. „Von hier geht unsere Stimme los, um Sie zu erreichen…“ schreibt unser Redaktionsteam im Editorial. Die Texte erscheinen gedruckt (und online), aber wir tragen sie auch zu Festivals, in den Alltag, auf die Bühne. Dazu suchen wir uns KooperationspartnerInnen aus verschiedenen Sparten – und arbeiten auf Augenhöhe mit ihnen. So tragen am 5. Dezember zum zweiten Mal Ensemble-Mitglieder des Rottstr5-Theaters Texte aus unserer Zeitung vor: Wir liefern die Worte, die Themen, sie haben kraftvolle, professionelle Stimmen.

Man könnte nun kritisch einwenden, dass Zeitungen wie unsere und ReSpeech, die explizit von Geflüchteten erstellt werden, diese Menschen in eine Sonderstellung bringen – anstatt sie in die Mehrheitsbevölkerung und in die großen Medien zu integrieren.

Ich denke, dass Zeitungen wie unsere in diesen Zeiten notwendig sind – um uns überhaupt erst auf Augenhöhe und in einen Dialog zu bringen. Um unterschiedliche Perspektiven, Ideen und Möglichkeiten aufzuzeigen – in der uns eigenen Ich-Perspektive. Wir nutzen dafür die Mittel und Wege des Journalismus, der Kunst, der Kultur.

Ein Dialog auf Augenhöhe ist unmöglich, wenn die einen dauerhaft lernen, zuhören, Hilfe empfangen, dankbar sind und die anderen dauerhaft geben. Wenn wir auf ein Zusammenleben setzen, das sich auf die demokratischen Werte von Freiheit, Mündigkeit und Verantwortung stützt, dann müssen alle, die momentan mehr Mittel dazu haben, dafür sorgen, dass jede und jeder in unserer Gesellschaft diese Rechte erfahren und wahren kann.

Es wäre naiv zu glauben, dass wir in unseren Chancen und Erfahrungswelten alle gleich sind. Ab und zu schreiben Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund in den großen deutschen Medien. Aber viel häufiger schreiben Menschen, die mit ihren Familien schon immer hier leben über die neu Angekommenen. Sie stellen die Fragen. Sie suchen die Themen. Sie bestimmen, welcher Aspekt interessant ist. Sie wählen übrigens auch häufiger Fotos, auf denen deutschen LeserInnen die neu Angekommenen fremd, häufig problematisch oder bemitleidenswert erscheinen.

In unseren Redaktionen fallen diese Entscheidungen im Dialog – und im Zuge dessen lernen wir unsere jeweiligen Sichtweisen und Ziele kennen. Übrigens sind allein in unserem kleinen Team aus etwa 15 Leuten die Meinungen und Erfahrungswelten sehr unterschiedlich. Auch davon berichten wir.

In unserer Arbeit geht es darum, etwas selbst zu machen. Sich zu zeigen. Themen einzubringen. Die Stimme zu erheben. Antworten zu bekommen. Wahrgenommen zu werden. Mitzumischen. Auch: sich Mühe zu geben – und stolz darauf sein zu können. Andere zum Staunen zu bringen, zum Nachdenken, zum Weinen und zum Lachen.

Wenn über Zeitungen wie Respeech und „Neu in Deutschland“ Menschen miteinander ins Gespräch kommen – so wie heute –, ist für uns ein großes Ziel bereits erreicht. Deshalb haben wir übrigens das eher historische Format einer gedruckten Zeitung gewählt – die man anderen in die Hand drücken und gemeinsam lesen kann. Aber facebook und das Internet kennen wir natürlich auch.

Wie es um die Begegnung zwischen Menschen mit und ohne Fluchterfahrung steht, zeigt der folgende Dialog: Khaled Al Rifai aus unserem Team fragte auf einem Festival eine Frau: Welchen Eindruck haben Sie von uns, den Geflüchteten? Antwort: Ich weiß nicht… ich bin keinem begegnet. Khaled: Sie stehen gerade vor einem.Ach so. Sie wirken ganz nett.

Manchmal sind die Dinge einfacher als man denkt.

Vielen Dank

 

[Der Beitrag von Marwan Alfneesh folgt – in der deutschen Übersetzung von Khaled Al Rifai]

facebook.com/neuindeutschlandzeitung

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