Das Eis ist geschmolzen

Das Eis ist geschmolzen

Hiba Nasab erlebte ihre erste Zeit in Deutschland wie eisige Kälte. Die junge Mutter kämpfte mit Vorurteilen – den eigenen und denen der Menschen um sie herum.

Von Hiba Nasab

Vom Leben in Europa hatte ich nur vage Vorstellungen, als ich nach Deutschland kam. Ich wusste wenig über die Frauen in Europa und das gesellschaftliche Leben. Ehrlich gesagt, hatten mich die Verhältnisse in Europa bis dahin nicht besonders interessiert. Dass ich einmal ein Leben in Deutschland beginnen würde, das habe ich mir nie vorgestellt. Ich hatte auch gar keinen Grund, mir darüber Gedanken zu machen. Dass ich einmal aus meinem Land würde fliehen müssen, das wäre mir im Traum nicht eingefallen.

Die wenigen Vorstellungen, die ich nach Deutschland mitbrachte, waren keine besonders guten. Und ich musste erfahren: wer Vorurteile mitbringt, braucht besonders lange, um diese Vorurteile zu revidieren.

Mein erstes Jahr in Deutschland war sehr schwer, obwohl in dieses Jahr ein einschneidendes Ereignis für mein Leben fiel: die Geburt meines ersten Kindes. Monatelang fühlte ich eine eiskalte Grenze zwischen mir und meiner neuen Umwelt. All die Veränderungen, die ich erlebt hatte, waren mehr als ich ertragen konnte. Der Transitweg zwischen Todesgefahr und Hoffnung auf ein neues Leben. Die Ankunft in einem unbekannten Land mit Bräuchen, die mir unbekannt waren, einer neuen Sprache und Lebensgewohnheiten. Die Erinnerungen an den Krieg, die mich weiter verfolgten. Mein neues Leben als Mutter, ohne die Unterstützung meiner Familie, nur mein Mann und ich. Meine andauernde Angst vor meinem Land und um mein Land, und um meine Familie. Ich wurde depressiv und die Depression wurde immer schwerer.

In meinem Alltag gab es nur den Deutschkurs, die Hausarbeit, die Kinderbetreuung und die Deutsch-Hausaufgaben. All dies hätte ich nicht ertragen, ohne meinen Mann an meiner Seite, ohne seine Unterstützung. In Syrien hatte mein Mann wegen seiner Arbeit kaum Zeit für den Haushalt. In Deutschland hat er begonnen, zu kochen und zu putzen.

Wenn ich wegen meiner starken Depression zu nichts in der Lage war, hat mein Mann den Haushalt alleine gemacht und für alles gesorgt. Besonders toll war, dass er unsere Tochter gefüttert und gewickelt hat, und stundenlang hat er mit ihr gespielt und ihr vorgelesen.

Inzwischen ist viel Zeit vergangen, unsere Tochter ist zwei Jahre alt. Die kalte Grenze ist noch da. Aber mit all den Schritten, die ich gegangen bin, ist sie immer weiter geschmolzen: ich habe Freunde gefunden, bin zu Veranstaltungen gegangen. Ich kann nicht sagen, dass diese Grenze verschwunden ist, aber sie ist durchlässiger geworden.

Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen mir mit Vorurteilen begegnen. Sie haben Vorstellungen über mich, ohne mich kennengelernt zu haben. Weil ich in dieser Gesellschaft ein Kopftuch trage. Ich fürchte, das Kopftuch wird es mir auch schwer machen, eine Arbeit zu finden.

Es wäre schön, wenn wir die Unterschiede zwischen uns akzeptieren und respektieren würden und uns ohne Vorurteile begegnen und miteinander leben könnten. Ich wünsche mir, dass die Menschen ihre Unterschiede als positive Bereicherung sehen und als Grundlage für Entwicklung und Kreativität in einer Welt, in der die Kulturen sich treffen, und nicht als Anlass für Konflikt und Hass.

Ich schreibe das, weil ich selbst die Erfahrung gemacht habe, dass eine innere Grenze in mir geschmolzen ist, nachdem ich Menschen, die mir fremd waren, kennengelernt habe. Nachdem wir Verständnis füreinander entwickelt haben. Wenn wir uns alle so begegnen würden, könnten wir die Vorurteile überwinden, und unsere Menschlichkeit als Gemeinsamkeit erkennen.

Dieser Text erschien 2019 in der 14. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“, Sonderausgabe FRAUEN.

Kontakt Hiba Nasab: hibana1991@gmail.com

 

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